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16.07.2019 - 18:00 Uhr

«Authentisch und ehrlich sein»


Unterrichtete 41 Jahre in Küsnacht, insgesamt war er 43 Jahre lang Lehrer: Markus Käppeli. Foto: Isabella Seemann

Seit über 40 Jahren unterrichtet Markus Käppeli in Küsnacht – mit Leidenschaft und Professionalität. Jetzt wird der 65-jährige Pädagoge in den Ruhestand verabschiedet. Der zweifache Vater über Entwicklungen im Schulbetrieb.

Markus Käppeli, mögen Sie schwierige Schüler?

Ja, die habe ich gerne. Es war mein Antrieb, als ich die Ausbildung zum Realschullehrer absolvierte, für jene Schüler da zu sein, die in der Primarschule wenig Erfolgserlebnisse hatten. Um ihnen zu beweisen, dass auch sie zu Leistung fähig sind. Ich darf heute sagen, dass ich es oft schaffte, auch bei anspruchsvollen Fällen Talente zu wecken und das Hauptziel zu erreichen: eine Lehrstelle zu finden, und zwar eine, die ihnen Freude bereitet.

Vergangene Woche war ihre letzte als Lehrer. 43 Jahre haben Sie unterrichtet. Überwiegt Wehmut oder Erleichterung?

Die Schüler werden mir fehlen, sie waren mir stets das Wichtigste. Auch das Unterrichten. Das wertvolle Kollegium und die Schule Küsnacht, für die ich mich gerne in allen erdenklichen Belangen einsetzte, liegen mir sehr am Herzen. Aber ich empfinde auch Erleichterung, die heute herrschende Bürokratie aufgeben zu können, die häufig zu komplizierten Lehrmittel und die teilweise praxisfremde Pädagogik.

Während Ihrer Laufbahn hat sich viel getan. Was waren für Sie die wichtigsten Veränderungen?

Früher sprachen wir von der Schulfamilie. In der Schule Küsnacht kannte jeder jeden, der Schulpräsident, die Schulpflegerinnen und die Lehrpersonen pflegten den direkten Dialog. Man sass zusammen, um die Probleme zu lösen. Heute reden wir von einem Schulbetrieb. Dieser Systemwechsel ist auf die Volksabstimmung von 2005 über die Bildungsreform zurückzuführen. Viele Entscheidungen werden seither aus der Praxisferne von oben herab getroffen, wobei die Basis praktisch nicht mehr mit einbezogen wird. Die Integration von Schülern mit «besonderen Bedürfnissen» stellt uns zudem heute vor grosse Herausforderungen.

Was ist Ihr Résumé?

Wir können heute Tausende von Kompetenzen und Kompetenzrastern definieren, Hunderte von Evaluationen erheben, zig Standards entwickeln, modernste Lehr- und Lernmethoden entwickeln – was zählt, ist die Persönlichkeit und die Ausstrahlung des Lehrers. Ist der Lehrer imstande, die Lernenden abzuholen, zu motivieren, fürs Leben und den Beruf zu begeistern, Freude zu entfalten, Respekt durchzusetzen, in allem glaubwürdig zu sein? Da sind Methoden bald mal sekundär. Auch die Lehrkraft ist ein Individuum und soll allein entscheiden können, welche pädagogischen Methoden sie anwenden will, wo sie sich im Element fühlt, um die Lernziele zu erreichen, ohne dabei fremdbestimmt zu werden.

Welche eigenen Werte haben Sie über die Jahre hinweg begleitet?

Authentisch und ehrlich zu sein. Die Lernenden als Individuen abzuholen und mit Empathie zu fördern, sie aufzubauen. Zum Unterrichten gehört für mich auch dazu, ihnen als Ergänzung zum Schulstoff von meinen Lebenserfahrungen zu erzählen, damit sie davon für ihre Zukunft profitieren können. Und ich war 24 Stunden für sie erreichbar, was in manch schwierigem Fall auch sehr notwendig war.

Reformitis, erziehungsschwache Eltern, überforderte Kinder. Wie sind Sie mit dem Druck umgegangen?

Mit der Reformitis hat man eindeutig den Bogen überspannt. Bewährtes wurde oft abgeschafft oder verunglimpft. Der neue Berufsauftrag geht angesichts der aktuellen Schulrealität in die falsche Richtung. Lehrer sein ist eben kein Beruf, sondern eine Berufung. Daran habe ich mich bei meiner Arbeit stets gehalten und liess mich von Theoretikern mit wenig praktischer Erfahrung nicht beirren.

Würden Sie heute wieder Lehrer werden wollen?

Leider nein, obwohl ich den Beruf heute noch liebe, aber die aufgeblähte Schulbürokratie hält mich davon ab. Ich sehe auch, wie viele Lehrpersonen, und dies von jung bis alt, überlastet sind und zusätzlich immer mehr Erziehungsaufgaben übernehmen müssen. Die Schule muss in der heutigen Zeit generell zu vielen Anforderungen gerecht werden. In meinem nächsten Leben werde ich lieber Weinbauer.

Apropos: Haben Sie sich für Ihren Ruhestand etwas ganz Bestimmtes vorgenommen?

Ich werde mehr Zeit für Familie und Hobbys haben und meinen ursprünglichen Traumberuf Musiker verwirklichen. Ich spiele Saxofon in verschiedenen Jazz-Formationen und werde noch einige Stunden in der Woche Musik unterrichten, auch an der Sekundarschule Küsnacht. (Isabella Seemann)

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