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20.04.2020 - 14:24 Uhr

Vom Dorf zum zünftigen Stadtquartier

1897 nimmt die Zunft Fluntern (hier am Limmatquai) erstmals am Sechseläuten teil. Foto: Jubiläumsbuch Zunft Fluntern 1995. Alle Bilder in dieser Galerie aus: Müller, Ein Zürcher Quartier und seine Zunft © 2020 NZZ Libro, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel.Von Anfang an machten die Kinder am Sechseläuten mit. Hier eine Gruppe in Knonauer Bauernkostümen, 1932. Foto: Zunftarchiv FlunternDer spätere Zunftmeister Robert Strässle junior in der Uniform der Zürcher Dragoner, die die Reitergruppe 1946–1951 trug. Foto: Zunftarchiv Fluntern60 Jahre lang Zunftstube: Der «Plattengarten», der 1956 dem Personalhaus des Unispitals weichen musste. Foto: Baugeschichtliches Archiv ZürichDie Gruppe der Hochwachtsoldaten mit Wachthäuschen (hier 2011) erinnert an die einstige Hochwacht auf dem Zürichberg. Foto: Zunft-FotoarchivDie Gesellen (hier 2011) sind seit bald 30 Jahren ein vitaler Pfeiler des Fluntermer Zunftlebens. Foto: Zunft-Fotoarchiv

Ausgerechnet im 125. Jubeljahr der Zunft Fluntern fällt das Sechseläuten dem Coronavirus zum Opfer. Doch zu feiern gibt es trotzdem etwas: Das eben erschienene Buch «Das Zürcher Quartier Fluntern und seine Zunft» von Felix E. Müller. Es gibt einen sehr umfassenden Einblick in die Geschichte der Zunft und des Quartierlebens am Zürichberg.

Die Zunft Fluntern wurde 1895 gegründet – zwei Jahre nach der Eingemeindung von Fluntern. Ihre Geschichte ist wie jene des ganzen Zürcher Zunftwesens die Geschichte einer bürgerlichen Netzwerktradition, die sich über gesellschaftspolitische und soziodemografische Veränderungen hinweg bis heute behauptet und dabei laufend modernisiert hat. Wie dies im Einzelnen geschah, beschreibt der bekannte Journalist und heutige Ehrenzunftmeister Felix E. Müller in seinem Buch über die Zunft und das Quartier Fluntern ausgesprochen detailreich und auch unterhaltsam.

Freiheitliche Brise am Züriberg
Bei der Gründung der Zunft Fluntern vor 125 Jahren im Restaurant Plattengarten standen zwei Ziele im Vordergrund: Einerseits ging es darum, die Integration ins neue Grosszürich und ins bereits bestehende Zürcher Zunftwesen zu fördern, wobei man in Abgrenzung zu den viel älteren «historischen Zünften» durchaus liberalere Tendenzen verfolgen wollte. Andererseits sollte die Fluntermer Zunft auch dem Zusammenhalt und den Interessen des jungen Stadtquartiers, dem Erhalt des alten Dorfcharakters dienen. «Oben am Hang des Zürichbergs wehte eine offenere, freiheitliche Brise», kommentiert der Buchautor.

Entgegen der althergebrachten Tradition zogen die liberalen Fluntermer denn auch ihre Frauen ins Zunftleben mit ein: Einer der Hauptanlässe, das Martinimahl, galt von Anfang an als Familienanlass und bunter Unterhaltungsabend. Mit ihrer frauenfreundlichen Praxis setzten sich die Fluntermer Zünfter immer wieder der Kritik und dem Spott anderer Zünfte aus. Jahrzehntelang hielten sie das gut aus. Doch in den 50er-Jahren gewann trotzdem zunftintern eine «Herren-Solo-Fraktion» an Einfluss. So gab es 1958 zwei Premieren: das erste Martinimahl in der neuen Zunftstube im Kunsthausanbau und das erste Martinimahl ohne Damen.

Im Zürcher Zunftwesen sorgte die Frauenfrage bis in die jüngste Vergangenheit immer wieder für Zündstoff und Medienfutter. Seit 2014 dürfen die Frauen der 1987 gegründeten Gesellschaft zu Fraumünster nun immerhin als Gäste der Gesellschaft zur Constaffel am Sechseläutenumzug mitlaufen. Eine Mitgliedschaft im Zunftverband ZZZ blieb ihnen aber bisher verwehrt.

Vom Bauern zum Stadtbürger

In den 50er-Jahren fand, parallel zu einer Intensivierung des geselligen Zunftlebens, eine Historisierung der Zunft Fluntern statt. Allgemein, so stellt Autor Felix E. Müller fest, gab es damals ein «Bestreben, die Zünfte stärker in der Geschichte zu verankern und so zu legitimieren». Dies äusserte sich etwa in neuen begrifflichen Gepflogenheiten: Die Fahne wurde zum Banner, die Generalversammlung zum Hauptbott, der Kassier zum Pfleger, der Vizezunftmeister zum Statthalter. Die Historisierung und ein stärkerer Quartierbezug machten sich vor allem auch in neuen Kostümen bemerkbar. So steckten die Fluntermer am Sechseläuten nicht mehr in Knonauer Bauerntrachten, sondern erfanden sich nach und nach neu – etwa als Standesreiter des Alten Zürich, als Stadtbürger oder als «Ausrufer» aus dem 18. Jahrhundert. Und an den Umzügen erinnern mittlerweile ein mitgeführtes Wachthäuschen und ein von Chorherren begleiteter Klosterwagen an die Hochwacht und das Augustinerkloster St. Martin, beides einst oben auf dem Zürichberg gelegen.

Insgesamt verläuft die Geschichte der Fluntermer Zunft in Wellen von Wachstum, kriegszeitbedingten Rückschlägen und neuen Blütenzeiten. Bei der Gründung 1895 noch von zehn Männern getragen, wuchs die Mitgliederzahl über die Jahrzehnte hinweg stetig an. In den 1980er-Jahren wurde der Andrang so gross, dass die einst bei 120 festgelegte Mitgliederlimite schrittweise höher geschraubt wurde. Bis es ohne weitere Begrenzungskriterien nicht mehr ging: Ab 1992 regulierte ein strengeres «Weissbuch» die Aufnahme von Zunftkandidaten, sodass sich die Situation beruhigte.

Quartierbezug schwindet dahin
Doch ein anderes Problem blieb Gegenstand von Diskussionen: die Frage, ob man sich überhaupt noch als Quartierzunft verstehen solle. Denn obwohl der Quartierbezug wichtiges Aufnahmekriterium war, verringerte sich der Anteil der Zünfter aus Fluntern von Jahr zu Jahr. Alle Versuche, die Beziehungen zum Quartier wieder zu stärken, erwiesen sich jedoch als wenig erfolgreich. Inzwischen wohnen nur noch etwa 15 Prozent der Zünfter in Fluntern, etwa 18 Prozent in der Stadt, fast 50 Prozent im übrigen Kanton, der Rest in anderen Kantonen oder im Ausland. Die Gründe für diese Entwicklung liegen gemäss dem Buchautor auf der Hand: Erstens verfügen die Zünftersöhne und «Tochtermänner» seit jeher über ein Aufnahmerecht, wohnen aber meist nicht mehr in Fluntern. Zweitens wanderten auch viele der in den 1930er-Jahren zugezogenen Villenbesitzer wieder ab. Dafür entdeckten zunehmend Linke und Expats den Zürichberg. Diese Quartierbewohner besassen jedoch – alleine schon aufgrund der Zunftstatuten – null Rekrutierungspotenzial. Drittens schwand im Laufe der Jahre das Fluntermer Vereinsleben dahin. Der Zunft fehlten somit wichtige Kontakt- und Austauschmöglichkeiten im Quartier.

Eingestreut in die fortlaufende Darstellung der Zunftgeschichte – geordnet nach den Amtsperioden der elf Zunftmeister – enthält das Buch gesonderte Betrachtungen verschiedener Zunftthemen. Etwa über die Entwicklung der Mitgliedschaften, die alten Zunftfamilien, den Zunftschatz, die Finanzen, kulinarische, musikalische oder reiterische Entwicklungen. Eigene Kapitel widmen sich auch der noch jungen Tradition der Zunftgesellen oder der Geschichte des Restaurants Plattengarten, wo die Zunft ihre Gründung und danach 60 Jahre lang ihre grossen Anlässe wie Sechseläuten und Martinimahl feierte.

Steckenpferde und Böögg-Pannen
Zu allen Zunftthemen gibt es zahllose Anekdoten. Zur Geschichte der Zunftmusik etwa gehört bis 1980 wiederholter zünftiger Ärger über zu viele falsche Noten und ausufernde Saufgelage, zur Geschichte der Reitergruppe ein tragikomischer Böögg-Umritt auf Steckenpferden. Auch andere seltsame Ereignisse rund um den Böögg gingen in die Annalen ein: 1921 etwa wurde er bereits um 14 Uhr angezündet – ein sozialistischer Sabotageakt. Und 1944 fiel der arme Kerl – ein Foto bezeugt es – in den See, worauf ihm kurzerhand der Kopf abgesäbelt und ins Feuer geworfen wurde. (mai.)

Felix E. Müller, «Ein Zürcher Quartier und seine Zunft. Geschichte der Zunft Fluntern.», NZZ Libro 2020, 232 Seiten, 151 Abbildungen. ISBN 978-3-03810-479-7

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