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22.05.2020 - 06:37 Uhr

Laue Aufarbeitung des Engemer Mobs


Pressefotografen dokumentieren die Ankunft des Zuges von den Weltjugendfestspielen in Moskau im Bahnhof Enge. Reisende werden verprügelt, Koffer angezündet. (Foto: Ringier Bildarchiv: Camenzind, Candid Lang)

Der Regierungsrat hat sich 63 Jahre nach Übergriffen auf Kommunisten beim Bahnhof Enge nicht ansatzweise davon distanziert. Ob die Kantonspolizei ihre schützende Aufgabe nicht genügend wahrgenommen hat, lässt er offen.

Tatort Bahnhof Enge. 11. August 1957. Ein gegen 400-köpfiger Mob wartet auf eine Handvoll junger Leute, die von den «Weltfestspielen der Jugend und Studenten» aus Moskau zurückkehrt. Die Stimmung ist aufgeheizt durch martialische Medienvorschauen, ein Jahr nach dem Niederschlagen des Ungarnaufstands durch die damalige Sowjetunion (UdSSR). Als der Zug direkt aus Moskau eintrifft, eskaliert die Situation. Die Rückkehrer werden angegriffen, verprügelt und mit Waffen bedroht. Die anwesende Kantonspolizei lässt den Mob gewähren. Koffer werden angezündet und die «Moskauwallfahrer» in Zeitungen wie der NZZ an den Pranger gestellt. Beschrieben hat die Vorfälle der Journalist Rafael Lutz 2018 im Buch «Heisse Fäuste im Kalten Krieg» (erschienen im Limmat-Verlag). Kürzlich wollten dazu die zwei Kantonsrätinnen Monika Wicki (SP) und Judith Stofer (AL) vom Regierungsrat unter anderem wissen, wie er das damalige Verhalten der kantonalen Behörden (Polizei, Staatsanwaltschaft) aus heutiger Sicht beurteilt.

«Wichtige Aufarbeitung»
Nun liegt die Antwort des Regierungsrates vor. Er wertet den «antikommunistischen Krawall beim Bahnhof Zürich Enge als historisches Ereignis in dieser vom Antikommunismus geprägten, politisch aufgeheizten Stimmung der Nachkriegszeit». Rafael Lutz leiste «einen wichtigen Beitrag zur aktuellen historischen Forschung und zur öffentlichen Debatte». In der Antwort zitiert der Regierungsrat den Historiker und Journalisten Thomas Buomberger: «Geistige Landesverteidigung und Antikommunismus durchzogen alle Verästelungen von Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien, beeinflussten auch zwischenmenschliche Beziehungen, säten Misstrauen, förderten ein Klima der Bespitzelung, deren Resultate mit dem Auffliegen des Fichenskandals 1990 sichtbar wurden». Zur zumindest diskutablen Polizei- und Staatsanwaltschaftsarbeit äussert er sich nicht.
Dispositiv gegen Übergriffe?
Die beiden Kantonsrätinnen wollten ausserdem beantwortet haben, wie man heute von Amtes wegen politische und andere Minderheiten vor aggressiven Handlungen schützt und welche Dispositive es dazu gebe. Der Regierungsrat bleibt auch hier allgemein. Er betont, dass die zuständigen Strafverfolgungsbehörden Offizialdelikte von Amtes wegen untersuchen und die Verfahren so zu führen haben, dass Täterinnen und Täter innert nützlicher Frist zur Rechenschaft gezogen werden können. Zudem beantrage der Regierungsrat dem Kantonsrat jeweils ein Budget, «insbesondere auch für den Schutz von politischen, religiösen und anderen Minderheiten im Kanton Zürich».

Keine historische Aufarbeitung
Eine Absage erteilt der Regierungsrat den beiden Politikerinnen auf die Frage, ob er bereit sei, eine unabhängige Aufarbeitung der Vorfälle von 1957 in die Wege zu leiten und eine Forschungsarbeit dazu via Lotteriefonds anzustossen. «Nur in seltenen Ausnahmefällen, die grosse kantonale oder überregionale Bedeutung haben, kann der Lotteriefonds einen Beitrag leisten», so der Regierungsrat. Die Kommunistenhetze schätzt die Regierung also als zu wenig bedeutungsvoll ein. (ls.)

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«Keine Reuebekundung»

Der Tipp zur Buchrecherche durch Rafael Lutz kam vom Zürcher Psychoanalytiker Mario Gmür, der für das Thema durch seine russisch-jüdische Mutter sensibilisiert wurde. Sein Fazit der regierungsrätlichen Stellungnahme: «Die blasse und zurückhaltende Antwort der Regierung erinnert an das Verhalten der Behörden, die jahrzehntelang das den Kindern der Landstrasse und den Opfern administrativer Versorgung widerfahrene Unrecht bagatellisiert haben. Sie kommt daher wie ein Gewaltverbrecher, der vor Gericht statt einer klaren Reuebekundung emotionslos auf die Gesetzesparagrafen verweist. Irritierend ist auch, dass die heutige Redaktion der NZZ, die 1957 die Gewaltexzesse angefeuert hat, nicht über die Erscheinung und die Stellungnahme berichten will.»

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