«Christoph Blocher ist mir zugeflogen»

Der Schauspieler, Parodist und Radio-Moderator Walter Andreas Müller, alias WAM, erzählte im Kluspark über sein Leben und seine wichtigsten Rollen.

Lisa Maire

Die Kapelle im Altersheim Kluspark ist bis auf den letzten Platz besetzt. Auch auf der Empore sitzen und stehen die Leute dicht an dicht und lauschen den Worten von WAM, der im Rahmen von «Netzwerk Kultur» aus seinem Leben erzählt. Dazu eingeladen hat ihn Heimleitungsassistent Ruedi Haas, langjähriger Freund und früherer Schauspieler-Kollege. «Die meisten, die mich zum ersten Mal in natura sehen, sagen, ich sähe jünger aus als im Fernsehen», sagt WAM. «Stimmt», schallts wie auf Kommando aus dem Publikum zurück. Der TV-Liebling, seit letztem Jahr in Pension, kokettiert mit seinem Alter. «Aber das Schöne an unserem Beruf ist ja, dass wir nie pensioniert werden. Wir arbeiten einfach, bis wir irgendwann umpurzeln.»


Zu klein für Opernsänger


Aufgewachsen ist Walter Andreas Müller in Wollishofen. Als Vierjähriger hat er dort am Sandkasten Schellackplatten gehört und später als Schüler «wahnsinnig gerne» Gedichte auswendig gelernt. Als es um die Berufswahl ging, wollte er eigentlich Opernsänger werden, sah dann aber selbst ein, «dass das schwierig geworden wäre mit einer Grösse von eins-zweiundsechszig-einhalb». So entschied er sich denn für die Schauspielerei, tingelte als ernsthafter Schauspieler in Deutschland ein paar Jahre lang von einer kleinen Bühne zur nächsten, bevor er 1972 nach Zürich zurückkehrte und sich mehrere Jahre am renommierten Theater an der Winkelwiese verpflichtete.

Es folgten Engagements als Moderator verschiedener Sendungen am Radio und an Schweizer Theaterbühnen, und bald schon hatte er auch beim Fernsehen einen Fuss in der Tür: 1978 heuerte ihn Showmaster Kurt Felix als Moderator für das TV-Quiz «Banco» an. Für die 14-tägliche Sendung offerierte ihm Felix 800 Franken. Der Schock über diese mickrige Gage sei ihm wohl anzusehen gewesen, lacht er rückblickend und verfällt plötzlich in den St. Galler Dialekt von Kurt Felix: «Sie dürfen ja auch nicht vergessen, Herr Müller: Wenn die Sendung dann ein paar Mal gelaufen sein wird, erhalten Sie in der Metzgerei sicher das bessere Stück Fleisch als die Dame neben Ihnen.» Das Publikum im Kluspark quietscht vor Vergnügen.


Durchbruch als Kellner Hans

«Banco» floppte dann ebenso wie sein Talent als TV-Moderator. Am Fernsehen populär machten ihn erst seine Auftritte zusammen mit Ursula Schäppi als «Adam und Eva Chifler» im Spielquiz «Traumpaar». Trotzdem sei er froh gewesen, als es nach sechs Jahren vorbei war mit der Sendung und dem Alptraumpaar Chifler, erzählt WAM. Die Rollen hätten wenig schauspielerisches Entwicklungspotenzial gehabt. «Es ging nur immer um das Gleiche: Er hackt auf ihr rum, und sie hackt auf ihm rum.»
Da bot ihm seine Rolle als Kellner und verhinderter Schauspieler Hans Meier in der erfolgreichen Sitcom «Fascht e Familie» schon einiges mehr. Einen Ausschnitt aus seiner Lieblingsfolge – «Meiers 50. Geburtstag» – führt WAM dem Publikum im Kluspark auf der Leinwand vor. Nicht nur, weil sie besonders lustig und erfolgreich war, sondern vor allem wegen ihrer Authentizität. Das Klagelied über das fortschreitende Alter, das habe nämlich nicht die Figur Hans Meier gesungen, sondern er selbst, verrät WAM. Er habe in dieser Folge tatsächlich sein eigenes Leben gespielt, seine eigene Krise, in die er damals vor seinem 50. Geburtstag gefallen sei. Das berühre ihn noch heute.

Je kantiger, desto besser

«Je verrückter, je skurriler die Figur ist, desto interessanter und schöner ist sie zu spielen», sagt der Schauspieler über seine Rolle als schräger Modedesigner in der ebenfalls erfolgreichen TV-Serie «Lüthi und Blanc». Ähnliches gilt für seine umwerfenden Politiker-Parodien, die er in Sendegefässen wie «Viktors Spätprogramm» oder «Benissimo» zum Besten gab und die ihm eine Vielzahl weiterer Fans brachten: Je mehr Ecken und Kanten eine Persönlichkeit hat, desto leichter ist es, sie zu imitieren. Parodieren könne man übrigens nicht lernen, das müsse einem angeboren sein, weiss das Naturtalent. Den Rest mache das Studium von Sprache, Mimik, Gestik, Kleidung, Frisur. Oft brauche es noch nicht mal viel Maske, um eine Figur herzustellen. Manchmal reiche es schon, Spracheigenheiten zu erkennen, erklärt WAM und spricht – zum Gaudi des Publikums – unvermittelt und unverkennbar als Moritz Leuenberger weiter, lässt schliesslich ein ganzes Feuerwerk blitzschneller Rollenwechsel folgen: Samuel Schmid, Hans-Rudolf Merz, Flavio Cotti, Kurt Furgler Gilbert Gress, Sepp Blatter – er kann sie alle. Am besten aber kann er Christoph Blocher. Den habe er praktisch nicht lernen müssen, der sei ihm «einfach zugeflogen».

Türchenauf, Türchern zu

WAMs Parodien gehen nie unter die Gürtellinie. Wohl deshalb haben sie bei den Betroffenen noch nie negative Reaktionen ausgelöst. Im Gegenteil, die Parodierten scheinen sich selber königlich über den vorgehaltenen Spiegel zu amüsieren. Besonders Blocher sei ihm sehr freundschaftlich zugetan, erzählt WAM und gibt ein Müsterchen: Als Blocher sich als Bundesrat ein neues Brillengestell zulegte, bekam WAM von ihm sofort ein identisches Modell zugeschickt.
Im Januar nun ist das «Telefon zum Bundeshaus», die gemeinsame parodistische Glanzleistung von WAM und Birgit Steinegger, aus dem Programm von «Benissimo» gestrichen worden. Angeblich aus Spargründen, sagt WAM mit einem Achselzucken. Gleichzeitig wurde das Parodisten-Duo auch beim Radio rausgeworfen: Nach 28 Jahren soll ihre beliebte Satire-Sendung «Zweierleier» durch ein neues Format ersetzt werden.
Dass das doppelte Aus sie schmerzt, das haben die beiden Künstler schon in etlichen Zeitungsinterviews bestätigt. Im Kluspark gibt sich WAM jedoch gelassen: «Wo ein Türchen zugeht, geht ein neues auf», heisse sein Lebensmotto. Seine Agenda sei voll, er habe viele Anfragen für neue Projekte. Dazu gehört das Musical «Bibi Balu» im Bernhard-Theater, wo WAM wie einst Ruedi Walter in mindestens 15 Rollen zu sehen sein wird. Auch auf Theaterbühnen und als Moderator des «Wunschkonzerts» auf DRS1 bleibt der vielseitige Künstler präsent – und natürlich als Stimme von Globi.