Nasse Zeiten

Kolumne: Andreas J. Minor

Schon vergangene Woche war plötzlich mehr Platz in Zug, Tram und Bus. Und diese Woche ergattert mancher einer, der sonst zwischen hustenden Passagieren eingequetscht von zuhause an den Arbeitsplatz pendelt, sogar einen Sitzplatz (!) in den Öffentlichen. Ferienzeit.
So viel Glück ist einem selten vergönnt, freut sich Schöberli, und blickt durch die beschlagenen Scheiben nach draussen. Die Freude über den ergatterten Sitzplatz währt hingegen nur kurz: eine korpulente Dame, die hinter ihm sitzt, niesst dermassen nass, dass Schöberli ihren Auswurf im Nacken spürt. Eklig, abstossend, unzivilisiert. Der böse Blick nach hinten scheint die korpulente Barbarin keineswegs zu stören. Sie scheint sich keiner Schuld bewusst zu sein.
Schöberli steigt aus, um die letzten Meter bis zum Büro zu laufen. Seine Schuhe sind nach wenigen Schritten völlig durchweicht vom Schneematsch. Mit nassen Socken sitzt Schöberli vor seinen Computer und flucht. Statt seiner italienischen Modeschuhe hätte er vielleicht doch lieber die weniger schönen, aber doch zweckmässigeren Winterklötze montieren sollen. Aber, was macht man(n) heutzutage nicht alles um der Mode willen.
Während Schöberli seine Mails beantwortet, kriecht die Kälte von seinen Füssen durch den ganzen Körper. In der Not hilft das kleine «Heizöfelchen», das ihm eine ehemalige Arbeitskollegin bei ihrem Abgang vermacht hat. Es bläst artig warme und trockene (!) Luft an Schöberlis Beine. Den Kampf gegen die Nässe hat er vorerst gewonnen. Nun sinnt er auf Rache: Am liebsten würde er der korpulenten Dame auf dem Heimweg wieder begegnen. Diesmal, so malt er sich aus, sässe er hinter der Dame. Und wenn er dann niessen müsste ...