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Titelgeschichte

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Rosa – eine Zürcher New Yorkerin erzählt

Sie ist eine ungewöhnliche 81-Jährige: Rosa Schupbach Lechner lebt in New York, arbeitet als Auxiliary Cop, umrundet einmal jährlich den Globus und ist dabei fit wie ein Turnschuh.


Nicole Isele

Wenn sie die Tür öffnet und man in ihre tiefblauen Augen blickt, dann weiss man sofort: Diese Frau hat etwas zu erzählen.Rosa ist auf der Durchreise. Die gebürtige Zürcherin kommt gerade aus Melbourne, ist für eine Woche in Zürich, und dann geht es wieder heimwärts nach New York. «Ich muss zurück, um mein monatliches Arbeitspensum bei der New Yorker Polizei zu erfüllen», bemerkt sie pflichtbewusst. Ihr Aufbruch in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten sollte 1959 nur eine viermonatige Auszeit werden. Rosa Schupbach Lechner wollte etwas Abstand nach einer enttäuschten Liebe und machte sich auf nach New York. Inzwischen sind daraus 51 Jahre geworden.


«He is the one!»


Der Anfang war schwer. Rosa arbeitete hart und studierte nebenbei Economics. 1966 erhielt sie den Bachelor of Science und nur wenig später die amerikanische Staatsangehörigkeit. 1967 absolvierte Sie den Master of Arts. Und auch eine neue Liebe liess nicht lange auf sich warten: Edmund Schupbach war Rosas Arbeitskollege. Sie hatte ein Auge auf ihn geworfen, doch er war sehr scheu. Mit einer Einladung liess er sich Zeit. Im Januar 1967 war es endlich so weit, er führte sie aus. Für Rosa war sofort klar: «He is the one!» Dann ging alles ganz schnell. Noch im selben Jahr wurde geheiratet. Es war eine glückliche, wenn auch kurze Ehe. Leider starb Edmund nach sechs Jahren an einer Bauchspeicheldrüsen-Krankheit. Das war ein schwerer Schlag für Rosa. Doch sie liebte das Leben zu sehr, um aufzugeben, suchte nach neuen Perspektiven und wurde schliesslich unbezahlte Hilfspolizistin. Per Zufall stiess sie im Quartier auf eine Equipe des «New York Police Department», die Leute für die Hilfspolizei rekrutierte. Weit über 5000 Gratisstunden hat Rosa bis heute geleistet. Sie ist auf Patrouille, hilft bei Strassenumzügen und -märkten. Der Höhepunkt im Polizeijahr ist für sie der «New York Marathon». Rosa Schupbach Lechner ist das älteste Mitglied und die dienstälteste Hilfspolizistin in ihrem New Yorker Stadtteil. Rosa wirkt jung. Sie erzählt spannend und verliert niemals den Faden, nimmt immer wieder Bezug auf die gestellten Fragen. Hin und wieder verwendet sie englische Floskeln mit echtem amerikanischem Akzent. Ihre Lebenslust ist ansteckend. «Ich fühle mich nicht wie 81, vielleicht wie 55 oder 60», strahlt sie. Ihr Rezept: Nicht rauchen, gesund essen, Sport – sie geht dreimal pro Woche ins Fitness-Center – und sich pflegen. Und vor allem sich nicht mit pessimistischen Leuten umgeben. Dass sie dennoch privilegiert ist, weiss sie: «Es sind die Gene. Meine Mutter wurde 100 Jahre alt. Sie hatte ein Herz von Gold, mein Vater war ein Kämpfer. Das ist eine segensreiche Kombination.»
Doch Rosa Schupbach Lechner ist nicht nur Hilfspolizistin. Das wäre wohl zu wenig für das im Kreis 6 aufgewachsene «Schwungrad». Sie engagiert sich auch in der Presbyterian Church in einem Obdachlosen-Schlafprojekt. Es kommt dann schon mal vor, dass die kleine zierliche Lady zwölf Männer im Schlafsaal betreut. «Bis 22 Uhr dürfen sie fernsehen, und dann ist Zapfenstreich», so Rosa streng. Um 5.20 Uhr steht sie auf und bereitet ein Frühstück zu. Spätestens um 7 Uhr geht es für die Obdachlosen weiter an die 32. Strasse ins Auffanglager. Dann geht Rosa Schupbach Lechner nach Hause, in ihre Zweizimmerwohnung mit Blick auf den Central Park. Sie schliesst die Tür auf und denkt: «This is wonderful!» Was sie antreibt? «Ich will etwas für die Menschen tun und mir stets bewusst darüber sein, dass mein Leben ein Privileg ist.»
Das war auch der Grund, warum Rosa den Quartierverein, die «East 74th Street Association» gegründet hat. Sie will etwas tun. Ihre Strasse ist 300 Meter lang und gehört zu den saubersten in ganz Manhattan. Rosa kassiert die Mitgliederbeiträge ein, womit sie einen Strassenwischer und einen Gärtner finanziert.


Volles Reiseprogramm für 2010


Rosa Schupbach Lechner wird geschätzt und gebraucht, und das nicht nur in New York. Es gibt viel zu tun – oder besser gesagt viel zu fliegen – im 2010. Es ist erst Februar, sie kommt gerade von «Down Under», und es sind schon drei weitere Reisen für das kommende Jahr nach Europa geplant. Im Frühling ist sie im Schwarzwald an eine Konfirmation eingeladen. Im Sommer gibt es in Stuttgart die alljährliche Wochenendwanderung mit Verwandten. Dies verbindet Rosa mit Besuchen bei Freunden in der Schweiz. Im Herbst findet die Versammlung der «International Police Association» in Zürich statt …

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