
Elke Baumann
Einst als «Malerei der Armen» belächelt, entwickelte sich der Scherenschnitt zu einer Kunst, die bis heute viele Bewunderer hat. In der Schweiz nahm die handwerkliche Geschicklichkeit des Ausschneidens ihren Anfang im 17. Jh. bei den Klosterfrauen. Während sie mit Schere und Papier Rahmen für ihre Heiligenbilder schnitten, bevorzugten die Damen der besseren Gesellschaft weltliche Themen.
Formenvielfalt und Kreativität
Im 18. Jahrhundert kamen die Profilbilder gross in Mode. Johann Wolfgang von Goethe hielt Freunde und Bekannte in Silhouetten fest; in Zürich war es Johann Caspar Lavater. Die Schattenrisse wurden zum Gesellschafts- und Ratespiel. Man „lavaterte“, und zwar so lange, bis die Fotografie dieses gesellige Vergnügen verdrängte. Bis dahin gehörte der Scherenschnitt wie das Klavierspielen zur Bildung höherer Töchter.
Der Verein Schweizer Freunde des Scherenschnitts gastiert mit einer Ausstellung im Museum Bellerive. In den hellen Räumen präsentieren sich filigrane Kunstwerke aus Papier. Sie wurden von Künstlerinnen und Künstlern geschaffen, die beweisen, dass der Scherenschnitt Ausdruck eines ganz besonders kreativen Schaffens ist. Die Schau spannt einen Bogen von Schattenbildern, die für Tradition und heile Alpenwelt stehen, bis hin zu zeitgenössischen Künstlern, die neue eigenständige Wege gehen. Ihre Darstellungen reichen vom Abstrakten bis zur Karikatur. Sie arbeiten nicht nur mit der Schere, sondern greifen auch schon mal zum Skalpell. Mit viel Phantasie und Können erfinden sie eine geometrische und perspektivische Formenvielfalt.
Poeten der Volkskunst
Johann Jakob Hauswirth (1809-1871), ein armer Tagelöhner aus Pays d’Enhaut, wanderte zu seiner Zeit von Hof zu Hof und bat um einen Teller Suppe oder eine Unterkunft. Als Dankeschön verschenkte er jeweils ein ausgeschnittenes Bildchen. Hauswirth war der Erste, der mit einer Schere und Papier ländliche Motive herstellte. Er machte die Schneidetechnik zur Volkskunst, die bis heute den Betrachter bezaubert.
Zu Unrecht belächelte Kunst
Die Ausstellung im Museum Bellerive zeigt die Entwicklung einer zu Unrecht belächelten Kunst. Sie präsentiert Meisterstücke von Hauswirths Nachfolgern. Es sind Scherenschnitte mit vertrauten Sujets: Alpaufzüge, Kühe, Ziegen, Sennen und Berge, Blumen, Pflanzen und Bäume. Die Arbeiten der Traditionalisten Hans Jörg Glatz, Ueli Hauswirth, Doris Henchoz und andere, sind weder langweilig noch eintönig, sondern eindrucksvoll und inhaltsreich.
Neue eigenwillige Wege gehen die Künstlerinnen und Künstler des 20. Jahrhunderts: Ueli Hofer z.B., Edith Müller-Crapp, Martin Mächler, Bruno Weber, Sonja Züblin, um nur einige zu nennen, gehören zur jungen Garde. Mit neuer Technik und ihrem ganz eigenen Stil zaubern sie eine Bildsprache, die mit ihrer Aussagekraft den Betrachter zum Nachdenken anregt.
Jede einzelne der ausgestellten Arbeiten weist ein grosses handwerkliches Geschick und auch sehr viel Liebe zum Detail auf. Ob es eine Collage aus Zeitschriften ist, eine geschnittene Banknote, ein Baum mit seinen unzähligen feinen Ästen und Blättern, oder gar ein aus feinsten Spitzen geschaffener Liebesbrief, alle in der Ausstellung gezeigten Scherenschnitte üben auf die Besucherinnen und Besucher eine unerklärliche Faszination aus.
Ausstellung bis zum 4. April. Öffnungszeiten: Di–So 10–17 Uhr, Weitere Informationen: www.museum-bellerive.ch.