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Titelgeschichte

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Sekten: «Ich führte jahrelang ein Doppelleben»

Er war bei den Zeugen Jehovas, weil seine Mutter ihre Ideale lebte. «Aber eigentlich stand ich nie hundertprozentig hinter der Glaubensgemeinschaft», betont der Geschäftsmann.

Béatrice Christen

Wer dem selbstbewusst auftretenden Mann begegnet, kann es kaum glauben, dass er lange Jahre zu den Zeugen Jehovas gehörte, ihre Ideale vertrat und diese auch predigte. Fred Meier ist der Sohn einer Zeugin Jehovas, und damit war sein Weg ein Stück weit bestimmt. «Aber eben nur ein Stück», erklärt Meier *. «Ich stand – zumindest in Gedanken – nie voll und ganz hinter der Ideologie der Zeugen Jehovas. Während der Jugend war ich hin- und hergerissen, da mein Vater und meine Geschwister die Glaubensgemeinschaft ablehnten. Erst im Alter von 20 Jahren habe ich mich für den Beitritt zu den Zeugen Jehovas entschieden und unter ihrem Einfluss mein Studium an der ETH – es wurde von meinem Vater finanziert – abgebrochen, um auf eigenen Beinen zu stehen und Lehrer zu werden.


Zweifel und Unsicherheit


«Die Zweifel beherrschten auch nach dem Beitritt mein Leben. Ich fühlte mich unter den Zeugen Jehovas als Exote, war hin- und hergerissen. So arbeitete ich als Lehrer, unterrichtete Kinder, ohne dass diese eine Ahnung von der Glaubensrichtung hatten, der ich angehörte. Ich wollte nicht als ‹Sektierer› angesehen werden.» Meier trat während des Unterrichts als Lehrer auf, er präsentierte sich in einem legeren Outfit, wie es in diesem Beruf üblich ist. Nach dem Feierabend schlüpfte er in eine andere Haut. Mit Anzug und Krawatte bekleidet, fand er sich als Ältester im «Königreichsaal» der Zeugen Jehovas ein, um biblische Vorträge zu halten. «Ich spielte meine Doppelrolle ziemlich perfekt, meine Religion lebte ich im Verborgenen. Tagsüber stellte ich sie in den Hintergrund, um sie am Abend oder am Wochenende wieder hervorzuholen. Im Unterbewusstsein wusste ich aber seit Langem, dass ich dieses Doppelleben irgendwann einmal aufgeben würde», erzählt Meier.
Der Spagat zwischen Alltag und Religion wurde immer grösser. Das Engagement für die Gemeinschaft (Vorbereitung und Besuch der Zusammenkünfte, Predigtdienst und andere Verpflichtungen eines Ältesten) nahm zwischen 10 und 20 Stunden pro Woche in Anspruch. «Und ich hatte immer weniger Zeit für meine eigenen Gedanken. Die Versammlungen der Glaubensgemeinschaft wurden für mich zur Qual, ich glaubte, im falschen Film zu sein, und betäubte mich zeitweise mit Alkohol, um durchzuhalten.»
Persona non grata
«Schliesslich vollzog ich die Trennung, die in meinen Gedanken bereits stattgefunden hatte, und schrieb einen Brief an einen anderen Ältesten der Zeugen Jehovas, in dem ich meinen Austritt bekannt gab. Dieser führte zum Ausschluss aus der Sekte und einem Kontaktverbot. Die Mitgläubigen, mit denen ich bisher ein gutes Verhältnis pflegte, mussten mich – den Ausgeschlossenen – ignorieren. Es kam in der Folge zu Begegnungen, bei denen mich Bekannte und Kollegen aus dem Kreis der Zeugen Jehovas weder ansahen noch grüssten. Für sie war ich zur Persona non grata geworden. Da ich neben der jahrelangen Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft mit der Zeit ein externes Beziehungsnetz aufgebaut hatte, fiel es mir nicht sonderlich schwer, ausserhalb der Glaubensgemeinschaft Fuss zu fassen. Ich nahm ein Universitätsstudium in Angriff. Doch die hinter mir liegenden Jahre wollten verarbeitet werden. Schliesslich versuchte ich im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit, mir selbst Rechenschaft abzulegen und das Ganze auch auf theoretischer Ebene zu verstehen.» Meier schaut selten zurück, verhält sich aber zurückhaltend gegenüber aller Art von Gruppierungen. «Vielleicht weil ich weiss, wie leicht Menschen vereinnahmt werden können», betont er und schaut nachdenklich vor sich hin.


* Der Name wurde auf Wunsch des Betroffenen von der Redaktion geändert.

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