Zürich 2

Doris Schiesser (l.) und Barbara Bischof sind typische Vertreter der neuen Generation von Blasmusikanten. Foto: ls.
«Nach em Räge schynt d Sunne»
Nach einer Krise in den 1970er Jahren präsentiert sich das 40-köpfige Spiel der Harmonie Wollishofen 2011 in gesunder Frische und wartet mit originellen Attraktionen für das 75-Jahr-Jubiläum auf.
Lorenz Steinmann
Das hat Symbolcharakter: Die initiativen und zupackenden beiden Frauen Doris Schiesser und Barbara Bischof bilden das Co-Präsidium des OKs «75 Jahre Harmonie». Sie haben zusammen mit Micha Bloch, Philip Haupt und Urs Heusser ein sympathisches, reichhaltiges, aber nicht in «Aktionitis» mündendes Programm auf die Beine gestellt, um das Wiegenfest zu feiern. Begonnen wurde vorletzten Donnerstag mit der Degustation und des Etikettierens des Jubiläumsweins. Die Harmonie hat einen spanischen Rotwein und einen Zürcher Riesling-Sylvaner als Jubiläumsweine eingekauft und wird diese an ihren Anlässen ausschenken. «Aber schreiben Sie bitte nicht nur über das», lachen Schiesser und Bischof. Man sei zwar sehr gesellig, aber die Musik stehe schon im Mittelpunkt. So stellen die traditionellen Konzerte, etwa am Wollimärt, am Sommerkonzert mit dem Männerchor Leimbach, am Räbeliechtli-Umzug und am Kirchenkonzert auch im Jubiläumsjahr das stabile Gerüst der jährlich rund 70 Antritte (inkl. Proben) dar. Dazu kommt heuer aber noch ein spezieller Unterhaltungsabend im Juni unter dem Motto: «Mit Harmonie und Kids». «Unsere Kinder studieren mit uns ein Konzertprogramm ein – die zusätzlichen 25 Mitwirkenden sind zwischen 7 und 20 Jahren alt», erzählen Schiesser und Bischof mit berechtigtem Stolz. «Die meisten spielen schon ein Instrument, teilweise sind sie Mitglieder einer Jugendmusik oder spielen bereits bei uns als Aktivmitglieder mit, für andere ist es ihre erste Orchestererfahrung.» Besonders freuen sich die beiden auf ein spezielles Bodypercussions-Stück und die Ausschnitte aus Mozarts Kindersymphonie.
Die Vereinskrise ... In weiser Voraussicht bindet man heute die Jugend vorbildlich in den Verein ein. Das war nicht immer so. Ende der 1960er Jahren «ruhte die Harmonie Wollishofen auf ihren gewonnenen Lorbeerkränzen aus und schaffte den Anschluss an die neue Zeit zu wenig. Ihre Mitglieder wurden älter, und neue liessen sich nur spärlich finden», wie der interessant und liebevoll aufgemachten Festschrift «Wir Harmonianer» (siehe Kasten) zu entnehmen ist. Damals noch eine reine Männergesellschaft, stand das Punkten bei Musikalischen Wettkämpfen im Vordergrund. Heute ist das anders. Das Musikprogramm wird gemeinsam erarbeitet, das Verhältnis Frauen/Männer hält sich in etwa die Waage. Claudia Mettler ist Präsidentin, Lorenz Stöckli der Dirigent und Musikalische Leiter. Zwar spielt die Harmonie nach wie vor in einer Uniform («das schafft Identität, gibt bei Wind und Wetter warm»), aber die Zeiten, als die Frauen ein unbequemes Röckli tragen mussten sind längst vorbei. «Zum Glück», schmunzelt die grossgewachsene Barbara Bischof. Sie, die früher Querflöte gespielt hat und während eines USA-Aufenthalts Saxofon gelernt hat, ist eine der Frauen, die frischen Wind in den Verein bringen.
... und die «Ehekrise» Ebenso Doris Schiesser, die halbernst von ihrer «grössten Ehekrise» erzählt. Das war in den 1990ern, als einmal sie, dann ihr Ehemann Präsident waren. Das scheint überwunden, den heute leben die beiden zusammen mit den drei Kindern in einem schmucken Reiheneinfamilienhaus an der Grenze zwischen Wollishofen und Adliswil. Das ist eigentlich typisch. Viele der Aktivmitglieder wohnen nicht mehr im «Dorf», Barbara Bischof zum Beispiel pendelt von Männedorf an die Proben, wechselt sich bei den Proben jeweils mit ihrem Mann Andreas ab. Einer spielt, einer hütet die drei Kinder. An den Konzerten sind immer beide anwesend. Das zeigt, wie tolerant der Verein und der Dirigent Lorenz Stöckli sind. Der Berufsmusiker aus Weesen ist ein Glücksfall für die Harmonie, da sind sich alle einig. Stöckli legt grossen Wert auf einen ausgeglichenen Klang durch gut aufeinander abgestimmte Instrumente. Dies scheint auch die Zunft Wollishofen festgestellt zu haben, wenn die Harmonie jeweils deren Martinimahl musikalisch umrahmt. Die Harmonie wäre denn auch gerne wieder Zunftmusik auch am Sechseläuten, da dies die Rekrutierung von jungen Bläsern erleichtern würde. Diese Ehre hat man in den 1970ern an die Musik von Oberrieden verloren, weil damals das eigene Corps zu sehr geschrumpft war.
Duo mit Appenzell Ein weiterer Höhepunkt zum Fest ist Anfang September die Jubiläumsreise, welche dieses Mal ins Appenzellerland führen wird. Dort wird während zweier Tage Interessantes über verschiedene Kunsthandwerke erfahren und natürlich das gesellige Beisammensein gepflegt. Selbstverständlich gibt die Harmonie in Appenzell auch ein Platzkonzert, wenn möglich gemeinsam mit der dortigen Musik. Und was wünschen sich Doris Schiesser und Barbara Bischof für den Verein? «Dass die verschiedenen Aktivitäten während dieses Jahres zur Freude aller Beteiligten werden und uns als Verein stärken, damit wir die nächsten 75 Jahre in Angriff nehmen können. Sollte es uns gelingen, aufgrund unseres Engagements neue Mitglieder zu gewinnen, würde uns dies ganz besonders freuen,» Auf dass die Sonne die nächsten 75 Jahre scheine, ganz nach dem Longseller von Artur Beul: ««Nach em Räge schynt d Sunne».
www.mvhw.ch
|