
Frank Rühli hat schon viele weltberühmte Verstorbene untersucht, so auch die 5000-jährige Eismumie «Ötzi». (Bild: zvg.)
Wie Lebende von Toten lernen können
Der Zürcher Mumienforscher Frank Rühli ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Untersuche an Tutanchamun und Ötzi haben ihm zu weltweiter Anerkennung verholfen. Dabei wäre er zuerst beinahe Arzt geworden.
Manuel Risi
Geht es um die Erforschung von Mumien, denkt man wohl als Erstes an düstere, staubige Grabkammern und modrige Sarkophage. An Abenteurer, gekleidet in Safarijacke und Tropenhelm, ausgerüstet mit Taschenlampe und Staubwedel, die durch enge Gänge kriechen, um der Erde die menschlichen Überreste längst vergessener Persönlichkeiten abzuringen. Das diese Bilder längst überholt und mehrheitlich ein Produkt der Filmindustrie sind, wird einem klar, wenn man das Büro von Frank Rühli am Zentrum für Evolutionäre Medizin an der Universität Zürich betritt. Modern und einfach eingerichtet, ist es dank einer grosszügigen Fensterfront mit Tageslicht durchflutet. Die einzigen Hinweise auf die Arbeit des Wissenschaftlers ist eine kleine ägyptische Skulptur und ein 3000 Jahre alter Fuss einer Mumie, gehalten in einer Glasvitrine. Mumien als logische Konsequenz Frank Rühlis Laufbahn zeichnete sich bereits im Kindesalter ab. Schon als kleiner Junge faszinierte ihn alles, was mit dem Alten Ägypten zu tun hatte. «Bereits im Primarschulalter habe ich Zeitungsausschnitte über Pyramiden und Ausgrabungen gesammelt.» Da ihm die Ägyptologie zu sprachlastig ist, studierte Rühli Medizin. Die Faszination Ägyptens lässt ihn aber nicht los, und so schreibt er seine Dissertationsarbeit über Mumien. Heute bezeichnet er seinen Werdegang als logische Konsequenz. «Dass ich auf die Mumienforschung kam, ist die Kombination aus meinem Medizinstudium und meiner Leidenschaft für das Altägyptische.» Seinem Abschluss in Medizin hat Rühli zu verdanken, dass er 2005 als Experte zur Untersuchung Tutanchamuns, der wohl berühmtesten Mumie der Welt, beigezogen wurde. Rühli und sein Team fanden anhand von Computertomographien heraus, dass der altägyptische König wohl nicht, wie bisher angenommen, an einer Schädelfraktur starb. «Möglicherweise war die Todesursache ein Bruch am linken Oberschenkel.» Doch es sei schwierig, eine endgültige Aussage zu machen. «Der Tod Tutanchamuns hatte wahrscheinlich verschiedene Ursachen. In der Medizin ist es immer einfacher, Dinge auszuschliessen, als einen definitiven Schluss zu ziehen. »Die Arbeit an dieser berühmten Mumie war für Rühli ein Karrieresprung und führte dazu, dass er sich noch mehr in das Thema vertiefte. Vor einige Monaten gründete Rühli, mit der finanziellen Hilfe einer privaten Stiftung, das Zentrum für Evolutionäre Medizin, wo auch an Mumien geforscht wird.
Mehr Computer – als Handarbeit
Wir verlassen Rühlis Büro und steigen hinab in den Keller des Instituts. Hier im Knochen- und Probenlager, liegen an die 150 Skelette und Einzelteile von über 2000 Individuen. Verpackt in Bananenschachteln und aufgereiht auf Regalen, die bis zur Decke ragen. Rühli öffnet eine derSchachteln, in welcher ein mumifizierter Kopf aus dem Alten Ägypten zum Vorschein kommt. Dieser erinnert nur noch durch seine Form an ein menschliches Wesen. «Er ist wahrscheinlich römerzeitlich und stammt aus einer italienischen Sammlung.» Frank Rühli hat kein Problem damit, bei seiner Arbeit ständig mit dem Tod konfrontiert zu sein. Im Gegenteil: «Die Arbeit mit Toten relativiert vieles, man sieht immer wieder, dass alles endlich ist. Ausserdem trage ich auch nicht den ganzen Tag Leichen herum. Etwa 90 Prozent meiner Arbeit geschieht am Computer.» Wie viel Arbeit bei der Mumienforschung mit Computer und Hightech zu tun hat, wird klar, als wir das Labor des Instituts betreten – oder präziser formuliert, dessen Vorraum. Das Labor selbst ist nur durch eine Schleuse zugänglich. In diesen sterilen Räumen werden den Mumien in akribischer Arbeit ihre Geheimnisse entlockt. «Die molekulare Forschung ist immer wichtiger geworden», erklärt Rühli. «Oft sind es die vom Auge nicht sichtbaren Dinge, die uns am meisten verraten.» Laut Rühli ist die Molekulare Forschung aber auch gerade die heikelste. Kontamination ist ein grosses Problem. Die Forscher betreten das Labor nur in Schutzanzügen. «Die DNA ist bei solch alten Überresten oft sehr schlecht erhalten. Fasst man die Proben ohne Handschuhe an oder hustet aus Versehen auf eine Probe, ist es gut möglich, dass man im Nachhinein seine eigene DNA untersucht.» Aus Altem Neues lernen Anhand kleinster Gewebestücke können die Forscher beinahe alles herausfinden. Über Geschlecht und geografische Herkunft bis zu den Krankheiten, unter welchen die Menschen damals litten. Wie renommiert das Zentrum für Evolutionäre Medizin ist, zeigen die Berichte in führenden Fachjournalen, aber auch Projekte wie die aktuelle Untersuchung an Mumien aus einer iranischen Salzmine. Rühli und sein Team beteiligen sich an der Leitung der Untersuchungen an den 2500 Jahre alten menschlichen Überresten. Im Zentrum für evolutionäre Medizin geht es aber nicht nur darum, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. «Es ist fundamental, die Mumien als Quellen für die heutige Forschung zu nutzen,» erklärt Rühli. Konkret wird dies unter anderem bereits in der Virologie angewandt. Durch den Mumien entnommene Virenproben können die Forscher «aus alten Krankheitsgeschichten lernen und deren Bekämpfung im Hier und Jetzt verbessern». Doch nicht nur die molekulare Forschung steht im Vordergrund. «Wir schauen auch die morphologische Entwicklung des Menschen an.» Mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) kann eine Mumie komplett durchleuchtet werden und ihr ganzer Körperbau vom Gewebe bis zu den Knochen nachvollzogen werden. Rühli hat für seine Arbeit eine neue MRT-Methode angewendet. Denn bisher musste das Gewebe befeuchtet werden, um ein befriedigendes Ergebnis zu erzielen, was wiederum die Mumien beschädigte. Durch kurze Anregungszeiten des Magnetfeldes erhalten die Forscher brauchbare Ergebnisse ohne zusätzliche Befeuchtung. «Mir ist es wichtig, dass diese Untersuchungen respektvoll vonstatten gehen und der Körper nicht zerstört wird», erklärt Rühli. Trotz dem virtuellen Charakter der Arbeit gibt es aber auch immer wieder bewegende Momente. «Vor allem bei der CT-Untersuchung Tutanchamuns war ich berührt. Plötzlich lag da diese Gestalt virtuell vor mir, Tausende von Jahren nach ihrem Tod, die ich bisher nur aus Büchern kannte. Durch die Untersuchung wusste ich alle intimen Dinge über seinen Körper, die er selber vermutlich gar nie bemerkte.» Um den Vorgang der Mumifizierung besser nachvollziehen zu können, wird im Zentrum für Evolutionäre Medizin nicht nur an Tausenden von Jahren alten Überresten gearbeitet. Für eine Nationalfondsstudie mumifizierten die Forscher selber menschliches Gewebe. Wie die alten Ägypter legten sie menschliche Überreste in Natronsalz ein, um diese so zu erhalten. Das Experiment wurde dabei von ständigen Untersuchungen mit modernsten Mitteln begleitet. Das Ziel ist, herauszufinden, «wie sich die Umgebung auf den Zerfall menschlichen Gewebes auswirkt», Die erste Phase des Experiments ist in der Zwischenzeit abgeschlossen. Nun geht es an die Auswertung der Resultate. Diese könnten später vermutlich auch in der Forensik hilfreich sein.
Graben im Wüstensand
Das Rühli selbst Hand an eine Mumie legt, wird immer seltener. Physisch haben die Forscher alle paar Wochen eine Mumie zu Untersuchungszwecken in ihrem Institut. Als Leiter hat Rühli auch sehr viel administrative Arbeit zu erledigen. «Da fühlt man sich teilweise mehr wie ein Beamter.» Trotzdem gibt es für den Forscher immer wieder die Möglichkeit, in ferne Länder zu reisen und an Ausgrabungen teilzunehmen. Wie im kommenden Februar, wo Rühli in Luxor das Tal der Könige besucht – wenn es die politische Lage erlaubt. Dort wird er voraussichtlich in einem Nebengrab eine Mumie untersuchen. «Die Chance, dass es sich um eine wichtige Persönlichkeit handelt, ist dort immer gross.» Rühli freut sich sichtlich auf die Arbeit in Ägypten. «Diese Expeditionen sind immer ein Höhepunkt.» Denn dort wird noch gearbeitet, wie man sich das vorstellt, mit Sieb und Staubwedel im Wüstensand.
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