Besser Wohnen zwischen Powerfassaden
Die Sihlweid-Hochhäuser prägen seit 35 Jahren die Silhouette von Leimbach. Nun werden sie zum Vorzeigeobjekt: Die Albisriedener Baugenossenschaft Zurlinden macht aus ihnen die ersten 2000-Watt-Hochhäuser der Schweiz.
Lisa Maire
Der Unterschied ist eklatant: Das kleinere der beiden Sihlweid-Hochhäuser erstrahlt in edel schimmerndem Glanz, das grössere ist noch ganz graue Maus. Dies ändert sich nun bald: Im März nimmt die Baugenossenschaft Zurlinden (BGZ) die zweite Etappe ihres umfassenden Sanierungsprojekts in Angriff. Ingesamt 36 Millionen Franken investiert sie, um ihre Siedlung mit den 170 Wohnungen auf Vordermann zu bringen. Denn an den Betonplattenbauten aus den 70er Jahren nagte der Zahn der Zeit – innen und aussen. Sie erwiesen sich als richtige Energieschleudern. Offene Treppenhäuser, schlecht abgedichtete Fenster und Balkone liessen zu viel Wärme entweichen, und auch die veralteten Küchen und Bäder verbrauchten zu viel Energie. Zudem entsprachen die Wohnungsgrundrisse nicht mehr heutigen Bedürfnissen. Mehrere Pioniertaten Die BGZ ist dafür bekannt, dass sie nach den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft sowie des «SIA Effizienzpfades Energie» baut. Das heisst: Nicht nur die Verbrauchsenergie von Bauten zählt, sondern auch die graue Energie und die Erschliessungsqualität (kurze Wege zum ÖV, Einkaufen etc.). Diese strengen Zielvorgaben können auch bei einer Sanierung erreicht werden, wie die Genossenschaft nun mit den Sihlweid-Hochhäusern pionierhaft vordemonstriert. Möglich machte dies im Wesentlichen eine neue Gebäudehülle: Die 17- und 19-stöckigen Wohntürme werden rundum neu gedämmt, die Betonfassaden mit Fotovoltaik-Panels bestückt. Die stromproduzierende Hochhausfassade: noch ein Novum in der Schweizer Baugeschichte, wie BGZ-Präsident Urs Frei bestätigt. Normalerweise werden Solarstromanlagen auf Dächern verbaut. Auf einem Hochhaus macht dies jedoch keinen Sinn. Die Fläche wäre viel zu klein um einen substanziellen Anteil am gesamten Stromverbrauch zu generieren. Ausserdem lassen sich die gängigen Solarzellen auf Siliziumbasis nur liegend verbauen. Nicht so die neuartigen CIS-Zellen (Kupfer-Indium-Selen): Sie reagieren schon auf diffuseres Licht und lassen sich deshalb auch vertikal einsetzen. Solche CIS-Zellen verbaut die BGZ nun – noch eine Innovation – nach einer eigens entwickelten Montagetechnik in die Hochhausfassaden. Die Solarpanels werden vor die Betonfassade gehängt und dienen so gleichzeitig als Witterungsschutz. Bei Bedarf können sie mit wenigen Handgriffen ersetzt werden. Neue Solarzellen-Generation Wenn Urs Frei von dieser Fassade redet, gerät er ins Schwärmen. «Die CIS-Zellen, das ist nicht nur ein schlaues Material, es sieht auch noch gut aus, und wenn es dann irgendwann in 30 Jahren keinen Strom mehr abgibt, haben wir immer noch eine unterhaltsfreie Fassade.» Die neuen Solarzellen spiegeln nicht, sind bruch- und schlagsicher. Sie wirken gediegen, «ein wenig wie ein Nadelstreifenanzug», beschreibt Frei. Das matte Erscheinungsbild ist ein wichtiges Kriterium, denn mit einer spiegelnden Fassade wie bei einem Bürohochhaus hätte man sich Anwohnerproteste eingehandelt. Die Fotovoltaik-Fassade kommt laut Frei kaum teurer zu stehen als eine konventionelle Hochhausfassade. Denn die dünnschichtigen CIS-Zellen benötigen nicht nur weniger Herstellungsenergie, sie kosten auch viel weniger als andere Solarzellen. Dazu kommt die energiepolitische Botschaft : «Wenn wir aus der Atomenergie aussteigen wollen, dann müssen wir auch Alternativen bieten – und das hier ist eine!», ist Frei überzeugt. Immerhin wird mindestens ein Drittel aller 170 Haushaltungen in den Sihlweid-Hochhäusern den Strom über die Solarfassaden beziehen. Allfällige überschüssige Energie geht ins ewz-Stromnetz. Ausserdem werden nach dem Umbau die Gasanschlüsse gekappt und die Wohnungen – ebenso wie das nahe Einkaufszentrum Leimbach sowie ein Hallenbad – über eine grosse Pelletheizung versorgt. Dank allen energetischen Massnahmen – neue Einkleidung, Ersatz von Fenstern und Rollläden, Schliessen der Treppenhäuser – kann der Heizwärmebedarf in der Sihlweid-Siedlung um den Faktor 6 gesenkt werden. Die Nebenkosten für die Mieter werden dadurch ziemlich genau halbiert. Mehr Wohnwert, höhere Mieten Dank neuen angehängten «Küchentürmen» vergrössern sich die meisten Wohnungen um rund 20 Quadratmeter, die sanitären Anlagen werden heutigen Standards angepasst, und auch die kleinen Wohnungen erhalten nun alle einen Balkon. Die neue Wohnqualität hat ihren Preis: Die Kostenmieten erhöhen sich. Eine neue 4½-Zimmer-Wohnung etwa kostet nun 2200 Franken, 500 Franken mehr. Trotzdem sind nur 20 Prozent der Mieter weggezogen, andere haben in eine kleinere Wohnung in der Siedlung gewechselt. Im März startet nun die zweite Umbauetappe. Wird man etwas anders machen als beim ersten Haus? «Nein, überhaupt nicht», meint der BGZ-Präsident. «Alles hat hervorragend geklappt.» Man hoffe jetzt, dass auch beim zweiten Wohnturm die Bauzeit auf das vorgesehene Minimum beschränkt werden kann. Denn für die Mieter sei die Umbauerei doch recht viel Stress. Für Umtriebe und Lärm werden sie denn auch mit zwei vollen Mietzinsen entschädigt. Die Sanierung wird nämlich im bewohnten Zustand vorgenommen, Etage für Etage, nach einem genauen Terminplan, den auch die Mieter lange im Voraus bekamen. Jeweils für drei Wochen müssen sie ihre Wohnung räumen. Die einen nutzen die Zeit für Ferien oder ziehen in eine Ersatzwohnung in der Siedlung. In acht bis neun Monaten werden dann alle Bewohnerinnen und Bewohner der Sihlweid-Hochhäuser wieder ihre Ruhe haben.
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