Ewige Sammlerin wird 80

Beinahe ihr ganzes Leben sammelte Ruth Binde Autographen berühmter Persönlichkeiten. Anlässlich ihres 80. Geburtstags veranstaltet sie nun eine Verkaufsausstellung in der Selnau. Zeit für einen Rückblick.

Manuel Risi

Mit einem gewinnenden Lächeln auf den Lippen begrüsst einen Ruth Binde an der Tür. Im Wohnzimmer warten bereits Kaffee und Kuchen. Die Kulturvermittlerin ist eine geübte Gastgeberin. Zu den Zeiten, als sie noch die Büros ihrer PR-Agentur im Seefeld hatte, bewirtete sie an ihren alljährlichen Festen jeweils über hundert Gäste aus der Zürcher Kulturszene.

Vergissmeinnicht
Bindes Sammelleidenschaft für Autographen begann, als sie 14 Jahre alt war. Damals erhielt sie von ihrer Schwester ein «Vergissmeinnicht». Ein kleines, blaues Büchlein, in welches Freunde und Bekannte sich an ihrem Geburtstag mit ihrem Namen eintragen konnten. Es sollte der Anfang in einer Sammlung von Autographen und Dokumenten werden, die ihresgleichen sucht – und auf ihre Weise die Zürcher Kulturgeschichte dokumentiert.
Die Begeisterung für das Kulturelle habe sie schon früh gepackt, erzählt Binde: «Seit mein Vater mich im Alter von zwölf Jahren zu einer Vorstellung der Zauberflöte mitnahm, bin ich ein Opernfan.»
Zwei Jahre später sieht sie Maria Becker als «Jungfrau von Orléans» im Stadttheater Bern. Wie bei jedem Besuch eines Theaters oder der Oper, holt sich die junge Binde ein Autogramm von der Schauspielerin. Von diesem Tag an möchte sie selbst auf der Bühne stehen. «Ich besuchte dann mit 16 das Bühnenstudio Zürich. Doch wegen meiner damaligen Körperfülle wollte man mich zu Rollen drängen, die ich ablehnte.»

Zwischenjahr in England
Binde brach die Schauspielausbildung ab, und ihre Eltern suchten für sie eine Buchhandelslehre. Der Vertrag sollte jedoch erst in einem Jahr in Kraft treten, und diese Zeit verbrachte sie in England. «Rückblickend war es das schönste Jahr meines Lebens», erzählt Binde heute und ergänzt: «Ich ging fast jeden zweiten Tag in die Oper oder ins Theater.» Wieder zurück in der Schweiz trat sie ihre Lehre an. Nach erfolgreichem Abschluss geriet sie – inzwischen verheiratet – über Umwege zum damals noch jungen Diogenes Verlag und arbeitete dort drei Jahre lang als «Mädchen für alles». Als der Verlag wächst, konzentriert sie sich auf die Pressearbeit und baut 1964 auf Wunsch von Daniel Keel den Theaterverlag auf. Jetzt kommen ihr ihre Theaterkenntnisse zugute.

Alleinerziehende Mutter
1972 kündigt sie bei Diogenes. «Ein mutiger Schritt», wie Binde heute sagt. In der Zwischenzeit war sie nämlich geschieden und alleinerziehende Mutter ihres damals elfjährigen Sohnes Stefan.
Doch gerade diese Kündigung bringt neuen Schwung in ihre Karriere. Sie gründet ihre eigene PR-Agentur für ausschliesslich kulturelle Mandate, damals ein Novum. «Ich vertrat grosse deutsche Verlage wie Hoffmann und Campe, S. Fischer und Heyne bei den schweizerischen Medien und betreute ihre Autoren.». Daneben arbeitete sie für Künstler wie Emil Steinberger, Maria Becker, Peter Arens und Theaterproduzenten wie Edi Baur, dessen Aufführung der «Kleinen Niederdorfoper» sie mit zum Erfolg verhalf. Auf Wunsch von Eynar Grabowsky schuf sie das Konzept für den «Bernhard-Littéraire», den sie nachher 19 Jahre lang programmierte, mit Peter Zeindler als Gastgeber. Später folgten die «Begegnungen im Zürichberg», mit Gästen vorwiegend aus dem Kreis 7, die von Marco Caduff befragt wurden.
Für ihr unermüdliches Schaffen wurde Binde 1998 vom Regierungsrat des Kantons Zürichs mit der Goldenen Ehrenmedaille für kulturelle Verdienste ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung des Kantons. Den Grossteil ihrer Dokumente schenkte sie dem Zürcher Stadtarchiv, wo sie öffentlich zugänglich sind. 467 gewidmete Bücher, davon viele mit Zeichnungen aus ihrer Diogenes-Zeit und aus dem «Bernhard-Littéraire», zeigt nun der Antiquar Peter Bichsel in seiner Verkaufsausstellung (siehe Kasten). Zur Trennung von ihren geliebten Stücken meint Binde: «Im Leben muss man irgendwann einmal loslassen. Ich tue es jetzt.»

Verkaufsaustellung:

Über Jahrzehnte hinweg sammelte Ruth Binde Autographen, und durch ihre Arbeit mit Kulturschaffenden kamen unzählige Dokumente und Sammlungsstücke hinzu. Anlässlich ihres 80. Geburtstags trennt sich die ehemalige Kulturvermittlerin nun von einem Teil ihrer geliebten Stücke. Am 2. März findet dazu die Eröffnungsvernissage statt. Die Verkaufsausstellung dauert bis zum 23. März. Verkaufsausstellung Sammlung Ruth Binde, Öffnungszeiten Mittwoch bis Freitag 14 bis 18 Uhr. Gerechtigkeitsgasse 2, Zürich-Selnau.. (mr.)