Home  Kontakt  
Seite drucken
seperator
seperator
seperator
seperator
seperator
seperator
seperator
seperator
seperator


Titelgeschichte

Weitere Artikel

«Ich will Gleichaltrigen Mut machen, nicht aufzuhören»


Hans Schneider (81) in seinem Büro. (Bild: ls.)

Der Adliswiler Hans Schneider startet am Sonntag am Engadiner – und das im zarten Alter von 81. Am Montag arbeitet er dann wieder in seiner Unternehmensberatung an der Tödistrasse.

Lorenz Steinmann

81-jährig! Ich (44) komme ins Sinnieren, während ich aus dem geräumigen Büro von Hans Schneider auf die Tödistrasse zurückstolpere. Eben traf ich den Fels von einem Mann (1,89 gross), der mir munter, aber bescheiden von seinem Irrlauf über den Scalettapass erzählt, wie er der Firma Omega ihren ersten Computer verkaufte und warum er am nächsten Sonntag am Engadiner nicht skatet. Doch der Reihe nach – ganz klassisch.
Hans Schneider wuchs in Oerlikon auf, der Vater war Meister in der Schweisselektrodenabteilung der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon, die Mutter Hausfrau. An der renommierten Hochschule St. Gallen studierte Schneider Wirtschaft («Ich fuhr jeden Tag mit dem Zug hin, ein Zimmer in St. Gallen war zu teuer»). Dann arbeitete er sechs Jahre bei IBM Schweiz, war schnell Mitglied der Geschäftsleitung; ein erfolgreicher Manager, welcher der Uhrenfirma Omega ihren ersten Computer verkaufte – 1963, als noch die Lochkarten den Takt angaben.

«Jetzt reichts!»
Trotz oder gerade wegen dieser rasanten Karriere dachte sich Hans Schneider «jetzt reichts!», und machte sich 1965 selbständig – der Firmensitz ist seither immer in der Enge und seit 34 Jahren an der Tödistrasse. «Letztes Jahr war ich auf dem Tödi» erzählt er schmunzelnd: «Man muss doch dort oben gewesen sein, wenn man an dieser Strasse arbeitet.»
Das ist typisch für den Selfmademan, der mit seiner Frau Erna im Eigenheim in Adliswil wohnt. Er schaut immer vorwärts und setzt sich gerne neue Ziele – immer aber realistische. So wird er an seinem 16. Engadiner Skimarathon vom kommenden Sonntag wieder wie am Anfang in der klassischen Technik starten und nicht skatend. «Man muss seine Grenzen sehen, wenn man nicht ein gewisses Tempo läuft, ist Skaten unökonomisch», findet Schneider. Trotzdem freut er sich riesig auf den Event, wird im Hotel Margna in Sils nächtigen und am Sonntagabend mit seinem Sportskollegen eine Flasche Rotwein «zwitschern», wie er sagt. Nein, ein Asket sei er wirklich nicht, gerne habe er es aber organisiert. Und damit meint er sein ganzes Leben. Obwohl ihm manchmal sein «jugendlicher Übermut» einen Streich spielt.

Schnee, Nebel – Hilfe gefragt
Etwa so, wie er selbstironisch erzählt: «Ich wollte 2008 vor dem Swiss Alpine Marathon die Strecke in Wanderausrüstung ablaufen – hatte alles geplant, aber nicht einberechnet, dass noch so viel Schnee lag. Ich kam hinunter nach Dürrboden vom Weg ab und hatte mich plötzlich grausam verlaufen. Schnee, Nebel! Es blieb mir nichts anderes übrig, als zur Schutzhütte auf dem Pass zurückzukraxeln – und auf Hilfe zu warten. Die dann nachts um neun auch wirklich eintraf. Eigentlich hatte ich mit dem Abwarten alles richtig gemacht» – das bestätigten ihm die Profis vom SAC-Rettungstrupp, er lud sie zum Dank um 23 Uhr zum Znacht ein. Auch das zeichnet den Vater einer 40-jährigen Tochter aus: analytisches Denken und Entscheidungen treffen, die nicht aus dem Ruder laufen können. Dabei ist er Optimist, schätzt es aber auch, jemanden seine Sorgen und Nöten anzuvertrauen. «Das geht in der Freimaurerloge. Hier kann ich mich öffnen und es bleibt doch unter Verschluss.» Bei den Freimaurern gefällt ihm auch, dass man gleiche Ideale pflegt, für andere Menschen da ist.
Fertig mit 60-Stunden-Wochen
Mit Sport angefangen hat Schneider übrigens erst so richtig im Alter von 60 Jahren. Er wollte – wenn andere schon bald pensioniert sind – keine 60-Stunden-Wochen mehr. «Aber herumliegen? Das dann doch nicht», lacht er. So wurde das Training intensiviert – und die Wettkampfteilnahmen. Dazu gehören seither neben dem «Engadiner» auch der Swiss Alpine Marathon (Schneider sponsert dort das Preisgeld der ersten drei Frauen und Männer einer Alterskategorie) sowie der Greifenseelauf. Neben Joggen sind ihm auch Krafttraining und Stretching (im Fitnesscenter Stockerhof) wichtig: Einmal wöchentlich «um 10.50 raus aus dem Tempel und eine Stunde ins Fitness, das gefällt mir».
Daneben macht er auch gerne Bergtouren («aber immer mit Bergführer»), etwa die Engadiner Paradeberge Palü, Bernina und Cambrena. «Beim ‹Krüppel-Dom› war das Wetter aber so schlecht, da mussten wir vor dem Gipfel zurück.» Das war ihm aber egal, umkehren gehört auch zum Alpinismus. Lieber schaut Schneider vorwärts. Zum Beispiel auf den Herbst 2010. Da freut er sich auf ein Fest mit Familie und Freunden, bei dem auch die Feier zum 80. nachgeholt werden soll. «Letztes Jahr hatte ich einfach zu viel Arbeit, um das Fest zu schmeissen», meint er lakonisch.
Zurück zum «Engadiner» und zum «Swiss Alpine». Schneider gehört zu den ältesten Teilnehmern, er macht auch mit, um ein Zeichen zu setzen: «Ich möchte Gleichaltrigen Mut machen, nicht aufzuhören – sich körperlich und geistig auch in fortgeschrittenem Alter zu schauen.» Denn Fitness sei zu 80 Prozent eine Gabe, aber zu immerhin 20 Prozent trainierbar und selbstverantwortlich zu verwalten.
Das nehme ich mir zu Herzen – obwohl ich nicht viel mehr als halb so alt wie Hans Schneider bin. Immerhin mache ich auch am «Engadiner» mit. Das ist doch schon ein Anfang.

Werbung