
Hans Lenzi
Dass der Umgang mit Medien interessiert, zeigte auch die Fragerunde. Beim anschliessenden Snack blieb genügend Zeit zur persönlichen Vertiefung.
Das fällt sofort auf: Alle Akteure sind mit Engagement dabei. Man spürt nichts von einem Pflichtauftritt. Andreas Melchior, Vorsitzender der Kommission für Öffentlichkeitsarbeit (KOA), führt durch den Abend. Nach wenigen Einleitungsfragen verselbständigt sich das Gespräch, indem die vortragenden Herren sich gegenseitig herausfordern und ergänzen. Nachrichtenchef Diego Yanez bringt Grundsätzliches gleich zu Beginn auf den Punkt: «Beachten Sie stets, dass Krisenbewältigung keine exakte Wissenschaft darstellt. Wir empfehlen Ihnen aus langjähriger Erfahrung: Informieren Sie immer rasch und umfassend. Schicken Sie nicht den Untergebenen vor, sondern stehen Sie als Verantwortlicher hin. Behandeln Sie die Medien nicht selektiv. Und verstehen Sie eine Krise immer auch als Chance, Ihre Sicht der Dinge vorbringen zu können.» An Beispielen zeigt der Profi auf, wie verheerend sich Verwedelung und Halbwahrheiten auswirken können. Er erinnert an die Spuckaffäre von Alex Frei, an die verunglückte Kommunikation im Fall Roland Näf und an jene der Ex-Stadträtin Monika Stocker. In allen Fällen hätte eine offensive Verständigung bestimmt viele Missverständnisse verhindert.
Polizeilicher Sympathieträger
Kein Zweifel: Medienchef und Polizeisprecher Cortesi ist ein Vorzeigemann in Sachen guter Public Relation. Er wirkt überlegt, ungekünstelt, markiert Empathie – und verfügt nebenbei noch über einen telegenen Habitus. Er rät: «Lernen Sie in Gottes Namen keine Statements auswendig. Sprechen Sie vielmehr so mit Ihrem Interviewer, als ob Sie Ihrer Familie einen Sachverhalt verständlich machen müssten. Zeigen Sie ruhig Betroffenheit und bleiben Sie authentisch.» Der vielsprachige Engadiner kennt das Metier inzwischen aus dem Effeff und ist sich auch nach 20 Jahren Berufserfahrung nicht zu schade, die Unfall- und Tatorte zu jeder Tages- und Nachtzeit persönlich aufzusuchen.
Dass man in der Krise wachsen kann, ist auch die Meinung von SF-Korrespondent Andy Müller. Er attestiert den Behörden: «Ja, sie sind in den letzten Jahren im Umgang mit den Medien kompetenter geworden, wobei dies den grösseren Gemeinden natürlich rein schon von den Ressourcen her leichter fällt.» Unerreichbarkeit zu markieren findet er wenig sinnvoll, denn «wir finden früher oder später immer eine Auskunftsperson. Abblocken kann zudem innerbetrieblich Widerstand provozieren. Ich erinnere an die Whistleblower im stadtzürcherischen Sozialdepartement. Jene Damen konnten einfach aufgrund ihrer täglichen Arbeit nicht mehr länger den Verniedlichungskurs ihrer Chefin mittragen. Zudem: Wir Medienkonsumenten wünschen halt Informationen. Checken Sie sich nur selber einmal diesbezüglich ab.»
Persönlichkeitsschutz wichtig
Yanez macht deutlich, wie hoch bei der SRG der Persönlichkeitsschutz gewertet wird: «Wir verfügen über strenge publizistische Leitlinien und sind täglich in Diskussion. Wir lassen uns vom Stichwort des ‹best argument› leiten, geben den Betroffenen grundsätzlich die Chance der Reaktion und schöpfen nie aus bloss einer Quelle. Ganz wichtig auch: Anti- und Sympathie müssen beim Erstellen unserer Beiträge aussen vor bleiben. Wir sind der Sache verpflichtet.»
Als einziger Vertreter des raschesten elektronischen Mediums – des Radios – bedauert Peter Bertschi, dass man in Bundesbern ob der ausufernden Medienabteilungen oft nur schwierig an die wesentlichen Leute gelange. «Und geben Sie uns bitte nicht einfach nur Schriftliches ab, denn als Radio sind wir unbedingt auf O-Ton angewiesen und auch sehr dankbar, wenn Sie uns vor den Printmedien bedienen. Uns liegt nämlich ständig die Zeit im Nacken.» Er findet es schliesslich legitim, wenn sich Medienleute und Informationsträger regelmässig treffen. Man muss sich einfach stets bewusst sein, dass es sich nie um ein Freund- bzw. Feindverhältnis handelt, sondern um eine professionelle Angelegenheit.
Todsünden im Interview
Nochmals will Melchior wissen, welche «Donts» man sich im Umgang mit Medien nicht erlauben sollte. Für Yanez ist glasklar: «Alles Verhalten, das Vertrauen zerstört, ist total out. Lügen Sie nie Journalisten an. Die sind nämlich nicht blöd und haben ein gutes Gspüri.» Cortesi bestätigt das Votum: «Ja, Vertrauen ist enorm wichtig. Ich kann heute zum Beispiel nachfragenden Berichterstattern ruhig mal sagen, dass dies und jenes Thema wirklich keine Geschichte ist. Und sie glauben mir. Beachten Sie auch: Nicht die Behörden entscheiden, was eine Geschichte ist, sondern immer die Öffentlichkeit. Jede Möglichkeit zur Stellungnahme ist überdies so etwas wie ein Penalty: Schiessen Sie genau und gewinnen Sie das Spiel. Zu guter Letzt: Im Krisenfall gehört nicht der Schmidli vors Mikrofon, sondern der Schmid.» Alle Referenten sind sich einig, dass man vor dem eigentlichen Interview ruhig ein Vorgespräch verlangen darf, dass man auch nicht aus dem Stand heraus auskunftspflichtig sei, sondern sich eine beschränkte Bedenk- und informelle Aufdatierungszeit ausbedingen darf. Bertschi findet eine Todsünde, wenn man einzelne Medien besser als andere behandelt: «Seien Sie fair. Und schicken Sie Ihre Communiqués doch einfach an die Depeschenagentur. Sie wird für einen umfassenden Versand besorgt sein.»
Fragen aus dem Publikum
«Wie soll ich mich verhalten, wenn ein Pressemann mir gegenüber Druck aufsetzt und mich so zu Aussagen zwingen will?», wünscht ein Kantonsrat zu wissen. Das Podium ist sich einig: Das ist schlechter Journalismus. Im Notfall soll man sich an die unabhängige Ombudsstelle wenden. Ein Gemeindepräsident fragt: «Ich sehe ein, dass wir durchaus eine Informationspflicht haben. Wir handeln danach, erleben aber regelmässig, dass unsere abgegebenen Erklärungen kaum Eingang in die Medien finden. Was machen wir falsch?» Bertschi dazu: «Ein Telefonanruf klärt vieles auf unkomplizierte Art. Fragen Sie doch vorgängig nach, ob Ihr Anliegen auf Interesse stösst. Bedenken Sie immer: Heute gehen minütlich gegen 20 sogenannt wichtige Mitteilungen über unsere Ticker. Wir kommen nicht darum herum, dauernd auszusieben.» Ein Lokalpolitiker erzählt, dass er ein Interview verweigert habe, um die betreffende Familie zu schützen. Sinnvoll? Yanez versteht das: «Das Amtsgeheimnis ist ein wichtiges Gut, welches wir respektieren. Wir warnen bloss davor, es als Argument vorzuschieben, um sich dahinter zu verstecken. Passiert das, so schiesst man immer ein Eigentor.»
Nach anderthalb intensiven Stunden bedankt sich Andreas Melchior für die hohe Aufmerksamkeit und Kompetenz. «Natürlich war das kein Medienseminar, aber ich hoffe, Sie können dennoch diesen oder jenen wertvollen Tipp mit nach Hause nehmen.» Der anschliessende Applaus zeigt, dass der Event sein Ziel erreicht hat.