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Der MFO-Park beim Bahnhof Oerlikon symbolisiert die Eroberung der «verbotenen Stadt».    Foto: rs.

Neu-Oerlikon: Zwischen Vision und Realität

Neu-Oerlikon ist das «Kind» von Stadtplaner Ueli Roth. Nun ist diePlanung beendet. Ein Grund für Roth, ein Buch herauszugeben.

Pia Meier

«Neu-Oerlikon – ein modernes Planungsmärchen? 1988 bis 2010». Der Titel des Buchs von Ueli Roth, Architekt und Stadtplaner, zeigt auf, dass die Planung von Neu-Oerlikon etwas Einmaliges war. Dass es Roth gelungen ist, ist vor allem seiner Hartnäckigkeit und der guten ­Zusammenarbeit aller Exponenten, unter ihnen auch die ehemalige Stadt­rätin Ursula Koch, zu verdanken. Roths Buch ist sachkundig, faktenreich, aber auch anekdotisch.

Der Zürcher Architekt hat die Entstehungsgeschichte von Neu-Oerlikon weitgehend mitgestaltet. Anlässlich der Vernissage für sein Buch fasste er die Geschichte des neuen Stadtteils zusammen. 22 Jahre sind vergangen seit der ersten Erkenntnis, dass die «verbotene Stadt» – so bezeichnete man damals das teil­weise abgeschottete Industriegebiet hinter dem Bahnhof Oerlikon – sich in Zukunft massiv verkleinern wird. «Die industrielle Zukunft sieht anders aus und liegt anderswo», fasste Roth zusammen. So kam die Idee auf, die «verbotene Stadt» zu öffnen.

Studenten gewannen Wettbewerb

Dazu brauchte es eine Änderung ­der Bau- und Zonenordnung. Die ABB-Areale sollten ebenso in der Prozess miteinbezogen werden wie das SBB-Gelände. «Wir hatten drei Visionen», so Roth. Die erste Vision war eine räumliche Überwindung der Bahnlinie, «der chinesischen Mauer». Die zweite Vision sah vor, dem architektonischen Konzept gemäss dem Begriff Genius-Loci urbanes Leben einzuhauchen. Die dritte Vision war die Kooperation von Grundeigentümern, Stadt, SBB, ­Kanton und Öffentlichkeit.

Das Strukturkonzept sah dann wie folgt aus: 760 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, 28 Prozent minimaler Wohnanteil, 5000 Be­wohner, 12 000 Beschäftigte, 50 000 Quadratmeter Parkfläche und 50 000 Quadratmeter gratis Erschliessungsflächen. Beim Ideenwettbewerb im Jahr 1992 gewann im zweiten Durchgang ein Studententeam. «Die hatten noch gar kein Diplom», hielt Roth fest. Dieses Team sah einen kontinuierlichen Umnutzungsprozess vor. Hochhäuser waren keine geplant. Darauf folgten 1998 Entwicklungsleitbild, Sonderbauvorschriften und Rahmenvertrag sowie parallel dazu Altlastensanierung und Öffentlichkeitsarbeit.

«Die Pärke – alle sind das Resultat von Wettbewerben – waren ein Grundpfeiler der Planung. Die privaten Grundeigentümer schafften auch kleine Parks innerhalb ihrer Grundstücke», bemerkte Roth. «Diese Planung war ein einmaliges Erlebnis für einen Städteplaner», betonte Roth. Besteht heute eine Kluft zwischen Ideal und Realität, eine Kluft zwischen Vision beziehungsweise Konzept und Realität? Die Antwort überliess Roth den Anwesenden. «Ich werde sicher von Zeit zu Zeit schauen, wie sich Neu-Oerlikon weiterentwickelt», hielt er fest. «Aber die Planung ist für mich abgeschlossen.»

Als Bürger Einfluss nehmen

Stadtrat Martin Waser – er war ­nicht als Vorsteher des Sozialdepartements, sondern als Bewohner von Zürich-Nord anwesend – wies darauf hin, wie er dazu kam, dass er sich in den 90er Jahren in diesem Prozess engagierte. «Ich wollte als Bürger Einfluss nehmen», betonte er. «Die Stadtentwicklung ist viel zu wichtig, als sie den Experten zu überlassen.» Anfangs sei es schwierig gewesen, weil sich keine Partei und auch der Quartierverein nicht engagieren wollten. So wurde «zürifüfzg!» gegründet. Sich einbringen, einmischen, mitgestalten, etwas bewirken, lautete die Devise. Heute sei Neu-Oerlikon ein normales Quartier geworden. Es soll mit dem anderen Teil von Oerlikon verbunden werden und diesen nicht konkurrenzieren. «Ohne mein Engagement in Neu-Oerlikon wäre ich vielleicht nicht Stadtrat geworden», sinnierte Waser. Das neue Quartier brauchte allerdings Zeit, bis es zu leben begann. Einziger Fehler war, so Waser, dass die Räume im Parterre nicht 3,5 ­Meter hoch sind und sich so für andere als Wohnzwecke nicht eignen.

Ein stinknormales Quartier

Auch Thomas Sieverts, Architekt und Stadtplaner Bonn, hielt an der Vernissage fest, dass es ein grosser Erfolg ist, dass ein stinknormales Stadtquartier entstanden ist. Signi­fikante Architektur sei nicht überall notwendig, aber es brauche mu­tige Entscheidungen. In dieser Beziehung sei Neu-Oerlikon einmalig.

«Neu-Oerlikon – ein modernes Planungsmärchen?», Ueli Roth. Büro für Städtebau und Architektur, Turnerstrasse 24, 8006 Zürich. Buchbestellung unter Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. .