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Eva Wandeler: Das Langstrassen-Klischee ist ein alter Schuh. Foto: zvg.

Eine Hommage an den «Kreis Cheib»

«Grösser als Zürich»: Die neue Ausstellung im Helmhaus widmet sich der Kreativität des allzu oft verkannten «Kreis Cheib» und räumt auf mit Klischees und Vorurteilen.

 

Nicole Isele

Angefangen hatte alles 1993: Die «Sonntagszeitung» veröffentlicht einen Artikel über den Kreis 4 als Rotlichtmeile, Prostitutionsviertel, Drogenhochburg. Das Klischee vom Langstrassenquartier ist damit einmal mehr voll bedient. Der Künstler, Schriftsteller und Verleger Silvio Baviera, der zeit seines Lebens dort verbracht hat, möchte die Verkennung so nicht stehen lassen. Er schreibt einen Leserbrief, dem gleich eine ganze Zeitungsseite eingeräumt wird. In den folgenden Jahren hält er immer wieder öffentlich Plädoyer für sein Quartier. «Die Raritäten des Kreis 4 wurden und werden marginalisiert. Das Viertel Aussersihl einmal von einer anderen Seite zu zeigen, liegt aufgrund seines Spannungsfeldes in der Luft. Das historische, demografische und kreative Potenzial scheint schier unermesslich zu sein», erklärt Baviera seine Beweggründe.


Bereits 2008 hat er die Publikation und Ausstellungsreihe «Kult Zürich Ausser Sihl» in der Galerie Museum Baviera im Kreis 4 organisiert. Die Schau reiste im letzten Sommer in die «Alte Malzfabrik» Berlin und hält nun unter dem Titel «Grösser als Zürich» im Helmhaus Einzug. In Berlin war die Ausstellung ein grosser Erfolg. Für das Helmhaus hat sie Zuwachs bekommen: Sie wurde um viele neue Entdeckungen angereichert. Und es soll weitergehen: Verhandlungen mit verschiedenen Interessenten sind bereits angestossen. Nächste Station soll im Sommer die «Deutschvilla» in Strobel bei Salzburg sein.


Die kreative Grösse Zürichs
Als die Gemeinde Aussersihl 1893 in die Stadt Zürich eingegliedert wird, ist sie, was Fläche und Einwohnerzahl betrifft, tatsächlich grösser als die ganze damalige Stadt. Gilt der Kreis 4 heute noch als Ort des multikulturellen Zusammenlebens und der Kreativität, ist Aussersihl damals Zentrum der Industrie, des Proletariats und der Immigration. Was die Kreativität angeht, ist das Langstrassenquartier heute noch grösser als Zürich, weil hier auf engstem Raum so viele Künstler arbeiten und weil sich hier das schöpferische Potenzial einer Stadt bündelt, das internationales Renommee aufweist. Der Charme des Quartiers konstituiert sich aus der Symbiose von Klein- und Weltstadt. 99 verschiedene Nationen sind im Kreis 4 vertreten – mit der Schweiz sind es genau 100.


Die Spannungsverhältnisse zwischen Fremdem und Vertrautem, zwischen Moral und Freiheit bescheren eine besondere Kreativität, ohne die Konflikte jemals aufzuheben. Für Silvio Baviera besteht darin die Faszination am Quartier: «Der Kreis 4 integriert ohne Assimilationszwang. Hier herrscht eine für schweizerische Verhältnisse einmalige menschliche Durchmischung auf beachtlichem Niveau. Das ist einzigartig auf dem Hintergrund vom Weltgeschehen und verleiht dem Quartier seinen internationalen Ruf – die Langstrasse kennt man auch in New York.»
Wer Kunst macht und wer sich dafür interessiert, kommt am Kreis 4 kaum vorbei. Alle sind hier: Künstler, Modedesigner, Musiker, Grafiker, Architekten, Literaten und Filmemacher. Man teilt sich Büros und vermittelt Aufträge. Jeder kennt jeden. Was liegt also näher, als dieses Quartier einmal anders – jenseits der Vorurteile – zu zeigen?


Spagat geschafft
Silvio Baviera ist ein Urgestein vom «Kreis Cheib» und lanciert die Ausstellung gemeinsam mit Michael Hiltbrunner und Guido Magnaguagno. 222 Positionen aus der Bildenden Kunst, 48 auftretende Autorinnen und Autoren, 6 Konzerte und 12 Filme, sie alle stimmen ein in den verehrenden Kanon eines Quartiers. Und sie alle verbindet eins: der Kreis 4, wo die Künstlerinnen und Künstler gewohnt oder gearbeitet haben oder dies immer noch tun.


«Grösser als Zürich» ist keine gewöhnliche Schau, es ist ein ganzes Festival, das sich um den Kreis 4 formiert. So geben zum Beispiel die international renommierte Jazzpianistin Irène Schweizer und das experimentelle Duo «./morFrom/.» im Helmhaus Konzerte. Catalin Dorian Florescu, Dieter Meier und viele andere lesen aus ihren Büchern. Das Kino Stüssihof zeigt ein exquisites Programm mit Filmen aus dem Kreis 4, wie etwa den Dokumentarfilm über den Wohnkomplex «Lochergut». «‹Grösser als Zürich›» besticht mit konsequent hohem Niveau», schwärmt Silvio Baviera. Mit insgesamt 300 Beteiligten wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Die Schau platzt aus allen Nähten. Diese Vielfältigkeit ist nicht zuletzt dem lokalen Bonus und Engagement aller Beteiligten zu verdanken.


Jeder ist anders
Parallel zur Ausstellung erscheint das Buch «Grösser als Zürich, ein kleines Psychogramm des Zürcher Stadtquartiers Aussersihl». Die Journalisten Caspar Schärer und Thomas Wyss haben Texte von über 30 Autorinnen und Autoren mit Bildern unterlegt und so zwischen zwei Buchdeckeln ein lebendiges Quartierpanorama erschaffen.


Hier, inmitten von Rotlichtmeile, Drogenmilieu, Korruption und Kriminalität besteht das Gemeinsame darin, dass jeder anders ist. Wohl deshalb haben sich Emigranten und Künstler im «Kreis Cheib» seit jeher wohl gefühlt. Und wie sieht der Kurator die Zukunft des Quartiers? «Blendend», strahlt der Herr.

«Grösser als Zürich. Kunst in Aussersihl», 24. Februar bis 22. April, Helmhaus Zürich. Di–So 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Mo geschlossen. www.helmhaus.org.