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Titelgeschichte

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«Ich wollte nie als Stadträtin pensioniert werden»


Esther Maurer (SP): «Die Stadtpolizei steht gar nicht so schlecht da.»

Esther Maurer tritt nach 12 Jahren im Stadtrat zurück. Ihre Zukunftspläne sind noch offen. Vorerst plant sie eine Auszeit.

Pia Meier

Esther Maurer, Sie wurden während Ihrer Amtszeit von allen Seiten immer wieder angefeindet. Dies ist, so scheint es zumindest, spurlos an Ihnen vorbeigegangen. Wie haben Sie das alles verkraftet?

Spurlos? (lacht) Als Polizeivorsteherin gehört es mit zum Beruf, dass man es nicht allen recht machen kann. Diesen Teil kann man als systembedingt zur Seite schieben. Bei unfairen persönlichen Verunglimpfungen fühlte ich mich manchmal aber auch sehr verletzt, das erlebt jeder Politiker. Ich wurde aber auch immer wieder ermuntert von der Bevölkerung, die meine Arbeit gut fand, und bekam viele gute Feedbacks, was dann auch immer wieder Kraft spendete.

Haben Sie deshalb schlaflose Nächte verbracht?

Nein, nicht wegen persönlicher Anfeindungen. Aber während meiner Zeit als Polizeivorsteherin habe ich viele menschliche Abgründe, die Schattenseiten dieser Stadt, kennengelernt, was mich viel stärker beschäftigt hat.

Betreffend die letzte Demo: Hat die «Spitzelabteilung» der Stadtpolizei die Entwicklung neuer Technologien wie SMS oder Internet verschlafen und war deshalb nicht bereit?

Nach der Fichenaffäre hat sich die Schweizer Bevölkerung für ein engmaschiges Datenschutzgesetz ausgesprochen. Daran muss sich die Stadtpolizei halten. Wir haben auf lokaler Ebene keinen Spielraum: Ausser bei einem konkreten Tatverdacht hat die Polizei nur Zugang zu öffentlich zugänglichen Informationen und Informationsquellen, also zum Beispiel keinen Einblick in geschlossene Facebook-Gruppenräume. Man sollte sich auf Bundesebene sicher immer wieder die Frage stellen, ob die Datenschutzgebung den neusten Technologien angepasst werden sollte. Einer solchen Überprüfung würde ich positiv gegenüberstehen. Ich bin aber nicht dafür, dass man wegen eines einzelnen Ereignisses unüberlegt handelt und sofort neue Gesetze und Regelungen fordert. Auf alle Fälle muss man aber wachsam sein. Das technische Know-how ist bei der Stadtpolizei sicher vorhanden.

Viele Polizisten wohnen nicht in der Stadt und haben deshalb im Notfall lange Anfahrtszeiten. Wäre es nicht sinnvoll, die Wohnsitzpflicht wieder einzuführen? Dann würde sich auch die geforderte «Standby-Truppe» erübrigen.

Ich würde mir wünschen, dass Zürichs Polizisten und Polizistinnen der Bevölkerung nahe sind und die Stadt im Herzen tragen, also nicht nur ihre Schattenseiten kennen, sondern auch den ganz normalen Alltag, mit Freundeskreis, Schulen, Quartierleben etc. Polizisten, die in der Stadt wohnen, haben sicher ein anderes Verhältnis zur Stadt. Allerdings ist es nicht realistisch, einfach mehr Polizisten und Polizistinnen mit Wohnsitz in der Stadt zu fordern. Das Anforderungsprofil ist bereits heute happig; wir finden zwar genügend Leute, aber das ist immer eine grosse Herausforderung. Da ist es nicht möglich, weitere restriktive Anforderungen einzuführen und zu glauben, dass das einfach so funktioniert. Zudem gilt für den Wohnsitz ein 30-Minuten-Rayon. Und das ist schon ein wichtiger Faktor. Übrigens wäre es auch wünschenswert, dass wir mehr Frauen hätten in der Polizei, aber auch das ist nicht so einfach zu erreichen, auch wenn die Stadtpolizei gar nicht so schlecht dasteht im Vergleich mit anderen Korps.
Sie wohnen im Friesenberg. Wenn Sie die Entwicklung im Kreis 3 anschauen, vor allem was die Jugendlichen betrifft, befürchten Sie da nicht, dass der Kreis 4 in den Kreis 3 «überschwappt»?
Nein. Der Kreis 3 ist recht heterogen, aber er unterscheidet sich in dieser Beziehung nicht von andern Quartieren. Die Jugendprobleme im Kreis 3 sind ähnlich wie in der ganzen Stadt. Meiner Meinung nach sollte vermehrt der Dialog zwischen den Generationen gesucht werden, und das ist in den meisten Fällen möglich und wird doch viel zu selten gemacht.

Wollten Sie nicht denselben Weg gehen wie Ihr Vorgänger im Polizeidepartement, Robert Neukomm, und das Gesundheits- und Umweltdepartement übernehmen?

Ich habe mir das ernsthaft überlegt. Wäre auch eine neue Thematik, eine neue Herausforderung gewesen, aber eben doch wieder der gleiche Beruf als Stadträtin. Seit 24 Jahren bin ich jeden Mittwoch im Zürcher Rathaus, und nun habe ich Lust auf einen neuen Lebensabschnitt. Ich bin sehr jung in den Stadtrat gewählt worden und mir war immer klar: Ich wollte nicht als Stadträtin pensioniert werden. Deshalb habe ich mich bei den letzten Wahlen entschieden, das Polizeidepartement zu behalten und nicht für vier Jahre ein neues Departement zu übernehmen. Ich bin überzeugt, es ist richtig, jetzt eine neue Chance zu packen.

Hatte die Forderung von Rebecca Wyler (SP) nach einem Rücktritt der «Alten» einen Einfluss auf Sie?

Es gehört als Polizeivorsteherin dazu, dass man bei den Jusos nicht so beliebt ist. Nein, es hat mich nicht beeinflusst. Und ich komme mir mit meinen 52 Jahren wirklich nicht alt vor.

Möchten Sie nicht Chefin des VSPB, des Verbandes Schweizerischer Polizeibeamter, werden? Das Motto «Stark – menschlich – sozial» sollte Ihnen doch zusagen?

(lacht) Dieses Angebot ist noch nicht eingetroffen. Wäre auch nicht meine neue Traumberufsphase. Ich habe Freude an der Führungsaufgabe und mir das Know-how zum Thema Sicherheit in einem weiten Sinn in all den Jahren angeeignet. Ich möchte deshalb auch nicht zurück in den alten Beruf (Mittelschullehrerin). Ich bin offen für Neues.

Aber Sie haben sicher konkrete Pläne?

Es gab natürlich schon einige Anfragen, aber noch nicht das Richtige. Ich brauche wieder einen Job, in dem ich Gas geben kann und wo ich zwischendurch auch mal weiche Knie bekomme. Vorerst mache ich aber eine Auszeit.

Wollen Sie in die nationale Politik einsteigen?

Man soll nie nie sagen, aber ich weiss es wirklich nicht. Gemäss meinen Freunden bin ich durch und durch Politikerin. Ich selbst definiere Politik etwas grosszügiger: Mir bedeutet mein Mandat im Europakongress, wo die lokale Politik in einem internationalen Kontext gesehen wird, sehr viel. Auch das Schwerpunktthema Rotlicht packt mich, weil ich einfach nicht dulden kann und will, dass Frauen wie Vieh gehandelt und brutal ausgebeutet werden von Menschenhändlern und Zuhältern. Diese Art der konkreten Sicherheitspolitik liegt mir sehr.

Könnten Sie sich vorstellen, Ihrem Mann in der Verwaltung im Kanton Uri zu helfen? Ziehen Sie weg von Zürich?

Wir haben uns das überlegt. Aber wir haben anders entschieden: Nun kommt eine gemeinsame Auszeit.

Wen würden Sie sich als Ihren Nachfolger wünschen?

(lacht) Er oder sie sollte viel Herzblut verspüren für diese Arbeit. Belastbarkeit, Rückgrat und Unvoreingenommenheit sind wichtig. Mein Departement ist fit, das Team arbeitet sehr gut. Ich wünsche mir jemanden, der dieses Departement nicht übernehmen muss, sondern will.

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