«Musik ist Liebe, die man hören kann»

Erstellt von Daniel J. Schüz |
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25 Jahre lang dirigierte Christof Hanimann das Kammerorchester Küsnacht-Männedorf. Mittlerweile hat der Italiener Luca Fiorini die Leitung übernommen. Vor den Antrittskonzerten am kommenden Wochenende in Männedorf und Erlenbach haben wir die zwei zum Gespräch gebeten.

Als Sie, Herr Hanimann, vor bald einem halben Jahr Ihr Abschiedskonzert gaben, sagten Sie, Sie würden das Orchester mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlassen. Wie meinten Sie das?

Christof Hanimann: Ich bin jetzt 67 Jahre alt, damit hat ein Lebensabschnitt begonnen, in dem andere Dinge wichtig werden – zum Beispiel das Hüten des Enkelkindes. Und dann ist da die Last der Verantwortung, die ich nicht mehr tragen muss: Wenn man, wie ich damals, ein Orchester und mehrere Chöre leitet, kommt vieles zusammen.

An die Stelle der Musiker, für deren Spiel Sie verantwortlich waren, ist jetzt ein Kind getreten – sehen Sie da Parallelen?

Hanimann: Aurelio ist ein Jahr alt – und er spielt schon Klavier, so ein kleines Spielzeugklavier, da drückt er drauf, und dann kommt eine fetzige Melodie raus. Ich spiele mit ihm, singe ihm Lieder vor und hoffe, dass er einschläft. Bei den Musikern ist es umgekehrt: Die spielen auch – und ich hoffe, dass sie dabei nicht einschlafen!

Jetzt haben Sie den Dirigentenstab an Ihren Nachfolger Luca Fiorini weiter­gereicht ...

Luca Fiorini: Nicht wirklich! Ich setze diesen Stock nur selten ein und eher bei grossen Orchestern, wenn die Bläser und die Hörner weit weg sitzen. Da kann der Stab ein optisches Hilfsmittel sein. Aber vor einem überschaubaren Kammer­orchester brauche ich das nicht.

Hanimann: Das sehe ich genauso. Vor ­allem kommt es auf die Musik an. Kleine Ensembles oder barocke Konzerte dirigiere ich nie mit Stab.

Warum nicht?

Hanimann: In jener Epoche war der Stab noch gar nicht bekannt. Den hat erst Felix Mendelssohn eingeführt.

Fiorini: Der Stab ist nichts anderes als ein verlängerter Finger. Mit allen zehn Fingern und den Händen kann man sich ­natürlich viel klarer und differenzierter mitteilen.

Könnte es sein, dass gewisse Dirigenten den Stab als Machtsymbol führen?

Fiorini: Auf jeden Fall. Und genau darum interessiert er mich auch nicht besonders. Ein guter Dirigent ist weder machtverliebt, noch setzt er autoritäre Gesten ein. Er sollte sein Orchester mit Talent und guter Zusammenarbeit überzeugen.

Hanimann: Früher war das anders. Da waren viele Stardirigenten autoritär, denken Sie nur an Arturo Toscanini! Heute aber pflegen Dirigenten und Musiker ein kollegiales Verhältnis, und bei einem Laienorchester sowieso. Ich denke oft, dass es vielen Führungskräften in der Wirtschaft guttun würde, wenn sie einmal ­einen Laienverein leiten und ohne Druckmittel in der Hand mit Menschen zusammen das bestmögliche Resultat erreichen müssten.

Fiorini: Es ist ein sehr interessantes Arbeitsverhältnis: Als Dirigent bin ich der Chef, wenn es um die Interpretation der Musik geht. Zugleich bin ich aber ein Angestellter des Orchesters: Die Musiker sind der Arbeitgeber, sie bezahlen mich – und ich muss das Beste aus ihnen herausholen, ohne sie unter Druck zu setzen. Das geht natürlich nur, solange es allen Spass macht.

Hat die Leitung dieses Orchesters Ihnen, Herr Hanimann, immer Spass gemacht?

Hanimann: Das kann man so nicht sagen. Ganz am Anfang, als ich angefragt wurde, ging es ja um eine Krisenintervention: Ein Laienorchester, das im Begriff war, sich aufzulösen, musste gerettet werden. Zeitweise bestand der Verein fast ausschliesslich aus Musikern im Rentenalter. Ihnen ist hoch anzurechnen, dass sie den Fortbestand des Orchesters gesichert und es so möglich gemacht haben, dass dieses heute stark verjüngt dasteht. Annalea Hess, die Präsidentin von damals, ist noch heute dabei, und Isabelle Stalder, die Präsidentin von heute, 33 Jahre jung, hat die Dirigentenwahl grossartig organisiert.

Wie sind Sie, Herr Fiorini, zu der neuen Herausforderung gekommen?

Fiorini: Im Rahmen einer Aufführung des Orchestervereins Sarnen, den ich ebenfalls leite, ist Monika Mathé vom Vorstand des Kammerorchesters Männedorf-Küsnacht auf mich zugegangen und hat mich eingeladen, mich für die ausgeschriebene Stelle zu bewerben.

Hanimann: Von den zehn Kandidaten, die in Frage kamen, war Luca der klare Favorit.

Waren Sie auch am Entscheid beteiligt?

Hanimann: Die Mitglieder des Orchesters hatten mich gebeten, diesen Auswahlprozess zu begleiten. Ich war bei den Probedirigaten dabei, aber bei der Wahl bin ich in den Ausstand getreten.

Was hat Sie, Herr Fiorini, bewogen, diese Herausforderung anzunehmen?

Fiorini: Die Violinistin Caterina Klemm, unsere Konzertmeisterin ...

Hanimann: ... eine ganz grossartige Künstlerin ...

Fiorini: ... sie hat es auf den Punkt gebracht: Sie sagte nicht, wie gut dieses Orchester sei, wie begabt die Musiker seien. Sie sagte nur: «Das ist eine dankbare Arbeit, hier fühlt man sich richtig gut.» Diese Worte haben mich überzeugt. Und weil auch die musikalischen Anforderungen passten, ist mir der Entscheid nicht schwergefallen, einmal pro Woche von Basel, wo ich wohne, nach Küsnacht zu reisen.

In Ihrem Fokus steht die Musik – eine Abfolge von Tönen, die nach mathematischen Kriterien aufgebaut und geeignet ist, Emotionen zu wecken. Einverstanden?

Hanimann: Ganz falsch ist diese Definition nicht. Aber Musik ist natürlich viel mehr. Und zugleich auch viel weniger.

Wie meinen Sie das?

Hanimann: In diesem Zusammenhang fällt mir ein Vortrag ein, den ich kürzlich besuchte. Es ging um Tätigkeiten, die der Referent Hans Dieter Mutschler – er hat Physik, Philosophie, Theologie und eben auch Musik studiert – in die Kategorien «selbstzwecklich» und «zwecklich» unterteilt. Wer zwecklich handelt, verbindet damit eine Absicht, will etwas erreichen. Mit der selbstzwecklichen Haltung hingegen ist keinerlei Erwartung verbunden. Musik zum Beispiel ist einfach Musik – ohne Sinn und Zweck. Genau wie die Liebe, die ist da und fragt nicht nach dem Warum. So gesehen ist Musik nicht mehr und nicht weniger als Liebe, die man hören kann.

Fiorini: Mit der Erkenntnis, dass Musik sich selbst genügt, bin ich einverstanden. Qualitativ hochstehende Musik, und damit meine ich nicht nur die klassische, sondern explizit auch die volkstümliche Musik, berührt das Publikum. Und sie verändert uns.

Hanimann: Stimmt: Menschen, die nach einem gelungenen Konzert den Saal verlassen, sind nicht mehr dieselben, die zuvor hineingegangen sind.

Fiorini: Ich bin mit der klassischen Musik aufgewachsen – nicht nur mit italienischen Komponisten, auch Brahms, Mozart, Beethoven oder Haydn waren akustisch bei uns zu Hause. Die Sensibilität dieser Menschen war dreihundert Jahre später auf der spirituellen Ebene mein tägliches Brot. Als ich mit neun, zehn Jahren versuchte, auf dem Piano ihre Kunst zu interpretieren, hat das mit mir etwas gemacht. Ich war tief in meinem Herzen berührt, die Musik hat mich stark ergriffen. Das kann Musik besser als etwa hochkarätige Literatur: Sie bedarf in ihrer Wirkung keiner Erklärung.

Dabei sollte man meinen, dass mathematische Strukturen, auf denen klassische Kompositionen aufgebaut sind, und Gefühle, die von der Musik geweckt werden, in krassem Widerspruch stehen.

Hanimann: Es gibt noch mehr Widersprüchlichkeiten. Im Laufe der Jahrhunderte sind klassische Kompositionen weitgehend unverändert geblieben – im Gegensatz zum Geist unserer Zeit. Damals wurde Musik komponiert und vorgetragen, um den Menschen ein einmaliges Gemeinschaftserlebnis zu ermöglichen. Heute, im Zeitalter der elektronischen Medien, zieht man sich zurück und konsumiert konservierte Musik – isoliert, mit Kopfhörern über oder Stöpsel in den Ohren.

Fiorini: Es gab ja nur Live-Konzerte damals, und das waren grossartige Ereignisse, die zwei-, dreimal in verschiedenen Städten aufgeführt wurden. Und dann war Schluss. In der Regel waren die Komponisten zugleich auch die Dirigenten ihrer eigenen Werke, weil sie die Musik am besten kannten. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit, dass der Dirigent jeden Takt auswendig im Kopf hat.

Hanimann: Die spontane Unmittelbarkeit jener Zeit und die schier uneingeschränkten technischen Möglichkeiten unserer Tage sind gleichermassen Fluch und Segen für die Musik – das kommt ganz auf den Standpunkt an.

Gemeinsamkeiten und Gegensätze: Während Sie, Herr Fiorini, in Männedorf und Erlenbach debütieren, veranstaltet der ukrainische Star-Pianist Alexey Botvinov im Zürcher Exil sein Festival «Odessa Classics» ...

Hanimann: Begleitet vom litauischen nationalen Symphonieorchester – das ist im Vergleich zu unserem Laienkammerorchester eine ganz andere Liga.

Könnten Sie sich vorstellen, bei einer allfälligen Neuauflage der Odessa Classics den Solisten zu begleiten?

Fiorini: Es wäre eine grosse Ehre, einen Solisten vom Kaliber eines Botvinov zu begleiten. Andererseits sehe ich die Aufgabe eines Laienorchesters in der Unterstützung noch unbekannter Junger – wie etwa Stefan Szypura, ein erstaunliches Talent am Piano, elf Jahre jung und aus Küsnacht. Wir haben für den November ein gemeinsames Konzert vereinbart. Und – wer weiss – vielleicht klappt es eines Tages ja auch mit Botvinov.

Herr Hanimann, am Anfang dieses Gesprächs haben Sie das lachende Auge auf die Zeit bezogen, die Sie fortan mit Ihrem Enkel Aurelio verbringen. Aber da ist auch noch ein weinendes Auge ...

Hanimann: Klar, wenn man nach so langer Zeit etwas loslassen muss, das einem ans Herz gewachsen ist – das tut schon weh. Und vermutlich wird es auch eine bewegende Situation sein, wenn ich zum ersten Mal im Publikum sitze.

Fiorini: Bei aller Mathematik ist die Musik auch für uns Musiker vor allem eine emotionale Geschichte. Mit meinem italienischen Blut bin auch ich natürlich vor allem ein Gefühlsmensch.

Werden Sie, Herr Fiorini, auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge vor dem Orchester stehen, wenn Sie Ihr Antrittskonzert dirigieren?

Fiorini: Eher mit zwei lachenden Augen, denn ich lache gerne. Und ein weinendes Auge – vielleicht dann, wenn meine Musiker so gut spielen, dass sie mich zu Tränen rühren.