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Bild der Schande

Erstellt von Peter Meier |
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«Ein Hundertwasser!», rief ich erfreut, nachdem ich das Geburtstagsgeschenk von meiner Frau ausgepackt hatte. «Ein hochwertiger Kunstdruck, hat mir der Galerist versichert», erklärte meine Frau, die natürlich genau wusste, dass mir dieser exzentrische, damals angesagte ­Maler mit seiner etwas verschrobenen Phobie vor geraden Linien gut gefällt. Ich suchte sogleich ­einen geeigneten Platz für das kleine, sehr farbenprächtige Gemälde.

Das Bild tat in den nächsten 15 Jahren das, was jedes Bild tun soll, nämlich dekorativ an der Wand hängen. Später stiess ich per Zufall mal auf die Quittung der Galerie; meine Frau hatte sich wirklich nicht lumpen lassen und 300 Franken für das Bild bezahlt.

Mit den Jahren gefiel mir das Gemälde immer weniger, und ich fragte mich, ob der Künstler vielleicht nicht doch etwas überschätzt wird. Irgendwie scheint er es nicht so mit den Farben zu haben, die mir merkwürdig blass vorkamen. Vielleicht habe ich mich einfach zu sehr an das Bild gewöhnt, dachte ich mir.

Bald war es aber offensichtlich, dass das Bild einfach völlig ausgebleicht war. Ich entfernte den Rahmen und musste feststellen, dass es sich um ein hundskommunes Kalenderbild handelt. Der mit allen hundert Wassern gewaschene Galerist hat einfach ein Kalenderblatt abgerissen, in einen billigen Rahmen gesteckt und für 300 Franken als wertvollen Kunstdruck verkauft! Auf dem Kalenderblatt stand zudem vermerkt: «Jede wie immer geartete kommerzielle Weiterverwertung dieses Kalenderblattes ist verboten.» So eine Unverschämtheit!

Ich verspürte das Bedürfnis, den Galeristen aufzusuchen, was wahrscheinlich damit geendet hätte, dass sein Kopf statt dem Hundertwasser aus dem Plastikrahmen geschaut hätte. Leider gibt es die Galerie nicht mehr – vielleicht auch zum Glück. Ich erinnerte mich nämlich daran, dass ich im ­Keller einen Karton mit Aquarellen meines Grossvaters, einem leidenschaftlichen Hobbymaler, aufbewahrt hatte. Ich ersetzte den billigen Druck mit ­einem hübschen Landschaftsbild, vor vielleicht 60 Jahren gemalt, und immer noch mit satten Farben. Ab und zu schweift nun mein Blick vom Sofa aus auf das Bild, und ich bin zufrieden – und mein Grossvater wäre es wohl auch.
Und die Moral von der Geschicht’: Lieber einen echten Opa als einen falschen Hundertwasser an der Wand.