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«Brings uf d Strass» ist umstritten

Erstellt von Karin Steiner |
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Seit 12. Juli und noch bis 27. August sind drei Quartierstrassen in Zürich für den Verkehr gesperrt, um darauf zu spielen, zu flanieren und zu picknicken. Nicht bei allen Anwohnenden kommt das Angebot gut an. 

Die Fritschistrasse ist noch menschenleer. Ein Securitas-Angestellter sitzt gelangweilt auf einem Stein. Seine Aufgabe ist es, aufzupassen, dass kein unberechtigtes Fahrzeug in die Strasse fährt. «Bis jetzt habe ich kaum Leute hier gesehen», sagt Urs Rauber, Präsident des Quartiervereins Wiedikon, bei einer Besichtigung des von der Stadt Zürich initiierten Projekts «Brings uf d’Strass», bei welchem man drei Quartierstrassen vom 12. Juli bis 27. August für den Verkehr gesperrt hat, um darauf einen öffentlichen Raum zum Spielen, Picknicken und Flanieren zu machen. Neben der Fritschistrasse sind dies die Konrad- und die Rotwandstrasse, zwei weitere Strassen, die Ankerstrasse (Kreis 4) und die Zähringerstrasse (Kreis 1) wurden dank Einsprachen verhindert. «Wir vom Quartierverein Wiedikon standen dem Projekt anfangs neutral gegenüber», so Urs Rauber. «Wir machten eine Umfrage bei den Anwohnenden und dabei stellte sich heraus, dass ein Grossteil dieses Angebot nicht wünscht. Es ist mir unverständlich, wieso man es trotzdem durchgezogen hat.» 
Die Fritschistrasse bietet rundherum sehr viel Grünraum. Sie ist eingezäunt von der grossen Fritschi-Wiese, die für Klein und Gross alles bietet, was man in der Freizeit gerne macht, und von Häuserzeilen mit riesigen Innenhöfen. «Die Anwohnenden sind vom Lärm auf der Fritschi-Wiese ohnehin genug geplagt. Nun soll auch noch auf der Strasse gefeiert werden? Zudem müssen alle die Fenster schliessen, wenn die Grills in Betrieb genommen werden, sonst haben sie den Gestank in der Wohnung.»

60 Parkplätze fallen temporär weg
«Das alles ist ein Riesenunsinn», ereifert sich Hans Meili, Anwohner der Fritschistrasse, der soeben mit seinem Hund die leere Strasse entlang läuft. «Man hat uns Anwohnern 60 Blaue-Zone-Parkplätze weggenommen. Jetzt muss ich bis zu ­einer Stunde im Quartier herumkurven, um einen Parkplatz zu finden. Ich frage mich: Ist das im Sinne einer Rot-Grünen Stadtregierung? Ist das Ganze vielleicht ein Abschiedsgeschenk von Stadtrat Richard Wolff, um noch ein letztes Mal den Individualverkehr zu schikanieren?» Leider habe er sie Ausschreibung im «Tagblatt» übersehen, sonst hätte er wie die Anwohnenden der anderen beiden für das Projekt vorgesehenen Strassen in den Kreisen 1 und 4 Einsprache erhoben. «Ich habe die betreffende Ausgabe nachträglich gesucht und gesehen, dass die Ausschreibung so dargestellt war, dass man sie nur sehr schlecht erkennt.»

Die Stadt ist zufrieden
Gemäss den Auswertungen des Tiefbauamts zeigt sich die Stadt bisher jedoch zufrieden mit der Aktion. «Wir haben viele positive Rückmeldungen von Anwohnerinnen und Anwohnern erhalten, auch die vorläufigen Resultate der Abstimmungsgeräte vor Ort sind erfreulich: An der Rotwand- und der Konradstrasse bewerten etwa zwei Drittel der Leute das Projekt als ‹gut› oder ‹sehr gut›, an der Fritschistrasse sind es rund 50 Prozent», sagt Roger Muntwyler, Projektleiter Kommunikation des Tiefbauamts. «Da die drei Strassen alle unterschiedlich gestaltet sind, werden sie teilweise auch unterschiedlich genutzt. Geschreinert etwa wird nur an der Konradstrasse in einer Werkstatt. Pétanque-Bahnen gibt es hingegen nur an der Rotwandstrasse. An der Fritschistrasse wünschten sich die Bewohnerinnen und Bewohner in unserer Umfrage einen ruhigen Ort.» Dieser ruhige Ort besteht aus Liegemöbeln, Hochbeeten und Gartenhäuschen, in denen Grillutensilien versorgt sind. «Ich vermute, dass es eher Leute von auswärts statt Anwohnende sind, die das Angebot nutzen», sagt Urs Rauber.
Dass die Wahl der Stadt auf die ­Fritschistrasse fiel, begründet Roger Muntwyler so: «Das Quartier um die Fritschistrasse ist dicht besiedelt und das Verkehrsaufkommen ist gering. Somit erfüllt die Strasse unsere Grundvoraussetzungen für die Standortwahl. Des Weiteren hat uns interessiert, ob die Strasse anders genutzt wird als Parks oder Innenhöfe.»

Verschwendung von Geldern?
Sowohl Urs Rauber als auch der Anwohner Hans Meili vermuten, dass die Stadt für die Anschaffung der Materialien wie Gartenhäuschen, Podeste und Blumentröge wertvolle Steuergelder ausgegeben haben. Aber so schlimm ist es nicht: «Wo möglich haben wir Material wiederverwendet», so Roger Muntwyler. «Die Pingpongtische etwa sind Leihgaben des Sportamts, die Pflanztröge stammen aus unseren Werkhöfen. Ebenfalls aus den Werkhöfen stammen Betonfertigteile, die wir an der Rotwand- und der Fritschistrasse zu Sitzmöbeln umfunktioniert haben. Die Betonteile werden nach Ende des Projekts bei Bauvorhaben verbaut. Gewisse Materialien wie etwa die Gartenhäuschen wurden zusätzlich angeschafft. Gemietet wurden zum Beispiel die Werkstattcontainer für das Studio Konrad.».

Pflanzen in Vorgärten setzen
Auch nach der Aktion werden die Materialien einen neuen Zweck bekommen. «Das ausgeliehene Material wie etwa die Betonfertigteile, die Pflanztröge oder die Pingpongtische wird den städtischen Dienstabteilungen zurückgegeben. Die Pflanzen an der Fritschistrasse sollen in den Vorgarten der dortigen städtischen Siedlung gepflanzt werden. Und auch für die Gartenhäuschen gibt es schon interessierte städtische Dienstabteilungen.» Die Gesamtkosten für die ganze Aktion belaufen sich gemäss Roger Muntwyler auf rund 120 000 Franken.
Urs Rauber ist vor allem mit der ganzen Art und Weise, wie die Stadt das Projekt kommuniziert hat, nicht zufrieden. «Wir haben davon aus den Medien erfahren. Da war es bereits eine beschlossene Sache, wir konnten nicht mehr viel Einfluss nehmen.»