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Wahldossier

Damit Bilder in Würde altern können

Erstellt von Elsbeth Stucky |
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In Küsnacht wird in der Werkstätte von Art Conservation restauriert, konserviert und geröntgt. Firmeninhaber Thomas Becker und Silvia Balmer lassen alte Gemälde mit ruhiger Hand und viel Fachwissen wieder glänzen und zeigen auf, was sich im Hintergrund verbirgt. 

Mitten im Atelier steht auf einem Stativ ein farbenfrohes kleinformatiges Gemälde. Eine australische Künstlerin hat es erst vor 20 Jahren gemalt. Ein Riss geht durch die Leinwand. Restaurator Thomas Becker dreht das Bild, zeigt und erklärt: «Die Fäden der Leinwand haben wir bereits verbunden und verklebt.» 

«Wir», das sind der Inhaber und seine Stellvertreterin Silvia Balmer von Art Conservation. «Nun muss noch die Oberfläche des Bildes mit Kreidekitt ausgeglichen und die Rissstellen mit Farbe retuschiert werden», erläutert die studierte Konservatorin. 

Genau zehn Jahre ist es her, seit Balmer für ein Praktikum zu Art Conservation kam – und blieb. «Eigentlich komme ich von der Architekturoberfläche her, doch das Restaurieren von Gemälden hat mich seit jeher fasziniert.» 

Vom Bild zum Künstler

Bei Art Conservation bekommen Gemälde eine Auffrischung, damit sie «in Würde altern können», so Becker. Das Atelier an der Zürichstrasse 81 ist licht, kein Anflug von verstaubt, obwohl hier Kunstwerke durch die Hände der ­beiden Konservatoren gehen, die gut und gern aus dem Mittelalter stammen können. 

«Mit einem Kunstwerk liegt auch der Künstler auf unserem Tisch», merkt Becker amüsiert an, «denn mit einem Bild beginnen wir uns auch vertieft mit dem Künstler zu beschäftigen.» Einen Raum weiter demonstrieren Becker und Balmer in der Dunkelkammer das Beleuchten eines Gemäldes mit Ultraviolett (UV). Das Spezifische des Bildes wird offenbart. Sein Zustand, jeder Pinselstrich und Ausbesserungen von Vorgängern kommen frappant zum Vorschein. 

Den Restauratoren entgeht nichts. Ein unsauberer Bildaufbau eines Künstlers offenbart sich gnadenlos. Dafür wird modernste Technik eingesetzt. «Alte Bilder haben meist mehr Beständigkeit, es wurde früher anders gearbeitet», erklärt Balmer. 

Des Künstlers Pentimenti 

Durch das Röntgen eines Frauen­porträts von Anker tauchen zwei ­Gesichter auf. Pentimenti des Künstlers, so Balmer und erklärt den Ausdruck: Anker hat sich während des Schaffensprozesses umbesonnen, erst zeichnete er das Gesicht frontal, das Resultat ist aber ein Profil. Die zeit- und geduldaufwendige Arbeit des Restaurators mit Spezialmitteln, Watte­stäbchen und Skalpellen trägt sichtbar Früchte: Der bereits behandelte Teil ­eines Gemäldes besticht durch frische Leuchtkraft neben dem vergilbten Teil als Folge des Alters. «Jedes Bild ist bezüglich Restaurierung und Substanzerhaltung auf seine eigene Weise anspruchsvoll», erklärt Becker. 

Ein subtiles Handwerk

Wissenschaft geht einher mit Handwerk. Breit angelegt ist das Arbeitsmaterial. Schublade auf Schublade offenbaren raffinierte Geräte, die in Einsatz kommen. Es sind Pinzetten, Skalpelle, Kleber, Farben, Werkzeuge, spezielles Papier, Scheren und natürlich Pinsel von grob bis fein. Sich auf Wagnisse einlassen liegt nicht drin. Komme Chemie zum Einsatz, werde nur bewährtes oder ein vorher gut erprobtes Mittel eingesetzt, erklärt Balmer. 

Thomas Becker ist in Bamberg – dem Unesco-Weltkulturerbe im Herzen Frankens – geboren, umgeben von mittelalterlichen Zeugnissen. In Nürnberg absolvierte er sein Studium zum Konservator-Restaurator. Nach weiteren Studien wie der Kunstgeschichte zog er los auf Wanderjahre. «In verschiedenen Werkstätten lernt man ein grösst­mögliches Repertoire kennen», erklärt Becker. 

In Küsnacht ist Becker geblieben und hat sich vor 20 Jahren mit Art ­Conservation selbstständig gemacht. Mehr als 1800 zum Teil hochkarätige Kunstwerke wurden ihnen durch die Jahre anvertraut. Der eigentliche Wert eines Kunstobjekts sei oft emotionaler Art. Jedes Bild habe seine eigene ­Geschichte. 

«Was durch die Türe passt, bearbeiten wir hier», sagt Becker. Doch in besonderen Fällen wie bei der Kantonalen Kunstsammlung oder dem Napoleonmuseum Arenenberg sind die beiden Experten auch vor Ort anzutreffen. Mit kritischem Auge und ruhiger Hand. Um Unsichtbares wieder sichtbar zu ­machen.