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Die Kleinen profitieren kaum vom Boom

Erstellt von Pascal Turin |
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Die internationale Gamebranche konnte in der Corona-Krise punkten. Immer mehr Menschen verbringen ihre Zeit zu Hause mit Videospielen. Doch Profiteure davon sind vor allem die grossen Entwickler. Die kleine Zürcher Gameszene musste sich schnell anpassen – und arbeitet an neuen Projekten.

Wer mehr zu Hause ist, hat mehr Zeit zum Spielen. Die internationale Gamebranche konnte bisher von der Pandemie profitieren. Kürzlich ist eine neue Generation von Spielkonsolen auf den Markt gekommen. Sony hat die Playstation 5 und Mi­crosoft die Xbox Series X sowie Series S veröffentlicht. Und sofort waren die neuen Geräte fast überall ausverkauft.

Doch während gerade die grossen Hersteller profitiert haben, mussten sich die kleinen Entwickler anpassen. Messen wie die E3 in Los Angeles oder die Gamescom in Köln fielen aus oder wurden im Internet durchgeführt. Dort trifft sich die Branche zum Netzwerken. Auch die Zürcher Gamemesse Ludicious musste in ungewohnter Form online stattfinden.

Corona habe weltweit sehr viele neue Spielerinnen und Spieler zum Spielen gebracht, «allerdings ist dieser Boom für kleinere Studios kaum spürbar. Es lief aber auch nicht schlechter für uns», heisst es dazu von Nuria Massó. Sie ist zuständig für Kommunikation und Marketing bei den Blindflug Studios. «Wir sind als Studio alle ins Homeoffice», sagt Massó. Das sei aber ganz gut gelaufen, da es der Entwickler mit zwei Büros in Zürich und in Poznań, Polen, gewohnt sei, digital und von überall zu arbeiten.

Ende November erschien ein Update zum Spiel «Stellar Commanders» auf der Plattform Apple Arcade. «Stellar Commanders» ist ein Mehrspieler-Strategiespiel, in dem man um die Kontrolle von entfernten Planeten und ihren Ressourcen kämpft. Das gleiche Update werde zu einem späteren Zeitpunkt auf der Onlineplattform Steam für die PC-Version erscheinen. «Wir haben auch grosse Pläne für 2021. Wir sind an der Entwicklung von mehreren brandneuen Spielen dran, zu denen wir im Moment aber noch nicht mehr preisgeben können», so Massó.

International für Furore gesorgt
Ähnlich klingt es bei Okomotive. Die Zürcher arbeiten an einem neuen Projekt, über das sie noch nicht sprechen dürfen. Okomotive hatte 2018 mit dem Game «FAR: Lone Sails» international für Schlagzeilen gesorgt. Das Abenteuerspiel besticht durch seine besondere Grafik. Mit einer eigentümlichen Maschine fährt man durch eine karge, zweidimensionale Welt, die aussieht wie nach einem Weltuntergang. In der Fachpresse erhielt das Spiel viel Lob. Da steigt der Druck auf das nächste Projekt. «Natürlich wollen wir uns mit dem neuen Titel weiterentwickeln und verbessern», erklärt Mitgründer Goran Saric. «Aber es geht uns in erster Linie darum, Spiele zu machen, die wir cool finden und mit denen wir uns auch langfristig finanzieren können.» Es sei aber auch klar, dass es schwierig und zum Teil Glückssache sei, den Zeitgeist zu treffen. Ausserdem ist das Okomotive-Team eher klein und «uns ist definitiv bewusst, welche Grenzen diese Konstellation mit sich bringt», führt Saric aus. Von dem her sei «Druck» wahrscheinlich der falsche Begriff. «Ich denke eher, wir pflegen einen guten Respekt gegenüber den Erwartungen an das neue Spiel», sagt Saric.

Im Frühling und seit der zweiten Welle hat das Okomotive-Team hauptsächlich von zu Hause aus gearbeitet. «Es ist eher eine mentale Belastung als eine logistische, da wir zurzeit in der Produktionsphase sind und die Messen sonst eher davon ablenken und alles verzögern», so Saric. Entsprechend sei der Ausfall von Messen nicht so schlimm gewesen. «Wir hoffen jedoch, dass nächstes Jahr im Sommer die E3 & Gamescom wieder stattfinden können, damit unser neues Spiel auch gut vermarktet werden kann», fügt Saric an.

Durch Briefe hüpfen
Die grossen Veranstaltungen haben auch die drei Entwicklerinnen von 5am Games vermisst. Immerhin: Viele Veranstalter hätten in Windeseile Onlinekonzepte entwickelt, sodass man wenigstens virtuell teilnehmen konnte. «Da wir in einem sehr kleinen Team arbeiten, mussten wir zum Glück nicht das ganze Jahr im Homeoffice sitzen», sagt Martina Hotz.

Das Studio arbeitet im Moment am Spiel «Letters – a written adventure». Dort hüpft man durch die Briefe zweier Freundinnen und löst Rätsel. Ein Veröffentlichungstermin ist noch nicht festgelegt. «Ideen haben wir genug für die nächsten 100 Jahre, aber die verraten wir natürlich noch nicht», scherzt Hotz. Man wolle jedoch dem eigenen Stil treu bleiben, etwas kreieren, das ohne unnötige Gewalt auskomme, schön anzusehen sei, Spass mache und Spielerinnen und Spieler «mit unseren schlechten Witzen verwöhnt».

Fast 170 000 Franken gesammelt
Ebenfalls intensiv an einem neuen Spiel mit dem Titel «The Wandering Village» arbeitet das Team des Stray Fawn Studios. «Glücklicherweise hatte die Corona-Krise kaum einen Einfluss auf unsere Produktivität», erklärt Mitgründerin Philomena Schwab. Sie ist eines der Aushängeschilder der Schweizer Gameszene. Das Team habe sich schnell an die Situation angepasst und arbeite von daheim – freue sich aber auf die Rückkehr ins Studio. «Die abgesagten Events waren zum Glück ebenfalls kein grosses Problem, da wir den Kontakt zu wichtigen Partnern bereits hergestellt hatten und unser neues Spiel sowieso erst nächstes Jahr spielbar sein wird», erklärt Schwab.
Beim Crowdfunding für die Aufbausimulation, bei der man eine Stadt auf dem Rücken eines Tiers erstellt, wurden knapp 170 000 Franken gesammelt. «So viel hatten wir nicht erwartet», erzählt Schwab. Besonders, weil es keine spielbare Demo des Spiels gab – sich die Leute also nur mit Bildern und Videos einen Eindruck machen konnten. Trotzdem scheint die Idee überzeugt zu haben: «Es freut uns sehr, dass sich unsere Unterstützer so für dieses Konzept interessieren und dass sie uns ihr Vertrauen schenken, ein tolles Spiel daraus zu machen.» Bis «The Wandering Village» erscheint, dauert es noch.

Der «Early Access», bei dem man spielen kann, obwohl das Spiel nicht ganz fertig ist, wäre gegen Ende 2021 geplant.
 

Die Spiele dieses Zürcher Studios haben einen pädagogischen Mehrwert

Das Entwicklerstudio Inlusio Interactive will interaktive Geschichten mit gesellschaftlicher Wirkung umsetzen. Bei «When We Disappear» sind dies Themen wie Widerstand und Kollaboration während des Zweiten Weltkriegs, aufgezeigt an einer Geschichte eines Mädchen, das durch Europa von 1943 flüchtet. Bei «Henry – Guardian of Nature» geht es um die Bedeutung von Biodiversität für die Welt und wie alles in der Natur miteinander verbunden ist. Die Titel werden in den nächsten ein bis zwei Jahren veröffentlicht – auf mobilen Plattformen, PC und Mac. «Wir arbeiten mit Menschen in der Schweiz und ganz Europa zusammen», so die Gründer Robbert van Rooden und Robin Burgauer. Bei den Projekten seien über 20 Personen involviert, etwa für Storytelling, Gestaltung, Programmierung, Musik und Game Design oder für Organisation, Recherche und Forschung. (pat.)