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«Die MFO hat gutes Potenzial gehabt»

Erstellt von Karin Steiner |
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Matthias Wiesmanns neue Biografie über Hans Schindler, den letzten operativen Leiter der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO), war Anlass für den Ortsgeschichtlichen Verein Oerlikon, Interessierte zu einer Lesung und einem Podium einzuladen. Ehemalige MFO-Mitarbeitende nahmen daran teil.

In seiner Biografie «Zauderer mit Charme – Hans Schindler und die Zwänge einer Zürcher Industriellenfamilie» zeichnet der Wirtschaftshistoriker Matthias Wiesmann das Bild eines Sprosses der Zürcher Wirtschaftselite, der den hohen Anforderungen, die seine Familie und die Gesellschaft an ihn stellten, nicht gewachsen war. Sein Vater Dietrich Schindler, ein Patriarch, war ab 1907 Generaldirektor der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO), die einst mit ihren Werkzeugen, Maschinen, Turbinen und elektrischen Teilen für Lokomotiven Weltruhm erlangte.

So entstand auch das «Krokodil» in den Hallen der MFO. Hans Schindler, der nach seinem Chemieingenieurstudium an der ETH auf Wunsch der Familie bereits 1924 in die Firma eintrat, rückte 1935 in die Stellung seines Vaters nach, war aber dafür keineswegs geeignet.

«Aus weicherem Holz geschnitzt»
«Hans Schindler litt an inneren Zweifeln und persönlichen unternehmerischen Krisen», sagte Matthias Wiesmann, der vom Ortgeschichtlichen Verein Oerlikon (OVO) für eine Lesung und ein anschliessendes Podium an den Ort des Geschehens, in das altehrwürdige MFO-Gebäude, eingeladen worden war. Seine Biografie basiert auf Tagebuchaufzeichnungen, in denen Hans Schindler von 1945 bis 1957 sein Leben detailliert niedergeschrieben hatte. Drei Kinder von Hans Schindler haben Matthias Wiesmann beauftragt, daraus eine Biografie zu schreiben. Eng verbunden mit seinen privaten und beruflichen Nöten und Zweifeln findet man in diesen Aufzeichnungen viele Fakten über die Geschichte und den Niedergang der MFO, die 1967 durch die BBC übernommen worden war.

Obwohl Wiesmann die Biografie nicht als Unternehmensgeschichte verstanden haben will, galt das Interesse der Anwesenden eher der Geschichte der MFO als der Person Schindlers, wie den Fragen aus dem Publikum an die Podiumsteilnehmenden Matthias Wiesmann, Margrit Müller (Wirtschaftshistorikerin) und Rudolf Jaun (Historiker) zu entnehmen war. Zum Beispiel: War es Schindlers Verdienst, dass die MFO in die Krise schlitterte? «Dietrich Schindler war ein Patriarch, Hans hatte kein gutes Verhältnis zu ihm und versuchte, es anders zu machen», so Matthias Wiesmann. «Er war aus weicherem Holz geschnitzt, wie die NZZ ihn beschrieb. Er versuchte, Konflikte mit Gesprächen zu lösen, hat aber nie konsequent durchgegriffen.» Auch wollte man wissen, was Sulzer und BBC besser gemacht haben als die MFO?

«Von der Depression in den 30er-Jahren waren alle stark betroffen», sagte Margrit Müller. «Aber die MFO war in den 20er-Jahren kaum international tätig, die anderen schon. Sie setzten auf Forschung und Entwicklung, während die MFO praktisch nicht investierte. Der Rückstand wurde schon unter Dietrich Schindler eingeleitet.»

Keine Zahlen offengelegt
«Die MFO war zwar bis in die 30er-Jahre eine millionenschwere Firma», ergänzte Rudolf Jaun. «Aber in den verschiedenen Abteilungen herrschte ein Gärtchendenken, niemand hat Zahlen und Fakten offengelegt.» Dies bestätigt auch Matthias Wiesmann: «Die Direktoren waren sehr mächtig, und Hans Schindler bekam sie nicht in den Griff. Auch als MFO-Produkte durch gravierende Defekte auffielen, handelte er nicht.»

Aber warum hat niemand etwas unternommen, als die Zahlen schlechter wurden? «Die personelle Besetzung der Führungsebene war sehr schwach», so Margrit Müller. «Es gab keine geeignete Person mit Potenzial. Zudem bekam die Öffentlichkeit nichts mit vom schlechten Geschäftsgang. Das war damals übliche Praxis.»

Dennoch sieht die Wirtschaftshistorikerin das Wirken der MFO am Ende ihrer Geschichte nicht so negativ: «Sie muss noch gutes Potenzial gehabt haben, sonst hätte die BBC sie nicht gekauft. Die negative Sicht auf die Firma kommt von Hans Schindler, er hat kaum über Positives geschrieben. Die MFO wurde später in anderem Kontext weitergeführt.»