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Wahldossier

Er hat Tausende Stimmen ausgezählt

Erstellt von Dennis Baumann |
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Der Küsnachter Raymond Losser ist seit 16 Jahren gewähltes Mitglied im Küsnachter Wahlbüro. Schon ab 1988 war er als Verwaltungsangestellter zuständig für das Wahlbüro. Er weiss also ganz genau, wie sich der Abstimmungsprozess in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. 

Ungesehen und doch so wichtig für eine funktionierende Demokratie sind die Stimmenzählerinnen und -zähler in den Wahlbüros. Etwa 50 sind es in Küsnacht, die an den Wahlsonntagen aufgeboten werden können. Einer davon ist der pensionierte Informatiker Raymond Losser. Seit 16 Jahren ist er gewähltes Mitglied des Küsnachter Wahlbüros, aber bereits  seit 1988 als Verwaltungsangestellter zuständig für das Wahlbüro. Wie viele Stimmen er in diesen über 30 Jahren schon ausgezählt hat, kann er fast nicht sagen. «Es müssten Tausende sein, die ich in meiner Zeit erfasst habe», sagt Losser.vLangweilig wurde es ihm bei der ­Arbeit im Wahlbüro über die Jahre hinweg nie. Denn von der Einführung der Briefwahl bis zu den ersten Schritten im E-Voting hat er die Entwicklung des Abstimmungs- und Auszählverfahrens hautnah miterlebt.  

Für ihn selbstverständlich

«Ich bin ein Vereinsmensch», erklärt Losser, wieso er sich im Wahlbüro jahr­zehntelang engagiert. Er ist Quästor des Wandervereins Wulponia Küsnacht und war Präsident der Chorgemeinschaft Männerchor Berg-Küsnacht und Sängerbund Küsnacht, die mittlerweile auf­gelöst wurde. Darüber hinaus war er 20 Jahre lang Mitglied der freiwilligen Feuerwehr. Am Flohmarkt der reformierten Kirchgemeinde, an den Aufführungen vom Laientheater Limberg und am Hub Küsnacht der Tour de Suisse trifft man ihn ebenfalls als freiwilligen Helfer, als sogenannten Volunteer. «Daher ist es selbstverständlich, dass ich mich für die Allgemeinheit einsetze», so der heute 68-Jährige. Der Aufwand halte sich in Grenzen. Lediglich bei grossen nationalen, kantonalen und behördlichen Wahlen wird das gesamte Wahlbüro aufge­boten. So war Losser vergangenes Jahr nur einmal im Einsatz. 

Mit dem Wahlbüro zum ersten Mal in Kontakt gekommen ist er im Jahr 1988. Als Leiter der Informatik in der Küsnachter Gemeindeverwaltung stellte er die Wahlprotokolle zusammen. Die Abläufe haben ihn schon immer interessiert. Als der langjährige Sekretär des Wahlbüros zurücktrat, wurde Losser vom damaligen Gemeindeschreiber angefragt, ob er die Wahlbüro-Aufgaben übernehmen wolle. Der Informatiker konnte nicht Nein sagen und ist seither aus dem Küsnachter Wahlbüro nicht mehr wegzudenken.

Die Arbeit im Wahlbüro fasziniert ihn bis heute. «Es ist immer wieder eine Freude, wenn die ganzen Abläufe reibungslos funktionieren», sagt Losser. Dennoch rücke der Abschied nun langsam näher, mit 70 Jahren scheiden die Wahlbüromitglieder altershalber aus dem Wahlbüro aus. «Ich finde, das ist ein guter Zeitpunkt, um der jungen Generation Platz zu machen.»

Fünf Urnen in Küsnacht

In seiner langen Zeit im Wahlbüro hat Losser auch einige Veränderungen miterlebt, etwa die Einführung der Briefwahl. In den ersten Jahren habe die Stimmbeteiligung dadurch massiv zugenommen. Heute hat sie sich in Küsnacht auf etwa 50 bis 60 Prozent eingependelt. Die Einführung der Briefwahl hatte auch die Schliessung zahlreicher Urnenstandorte zur Folge. 

Bis vor ein paar Jahren hatte die Urne auch in Itschnach, im Goldbach, im Heslibach und im Limberg geöffnet. Die Urne im Gemeindehaus ist mittlerweile die einzige im Dorf. Losser ist es wichtig, dass weiterhin physisch abgestimmt wird: «Die Urne trägt auch Symbolkraft. An guten Wahlsonntagen ist es immer wieder schön, wenn bis zu 400 Stimm­berechtigte persönlich vorbeikommen.» 

Weiter änderte sich das Stimm­erfassungssystem. Früher wurde mit Zählbögen gearbeitet. In diesen wurden die einzelnen Kandidaten aufgelistet, und die Stimmen der jeweiligen Wahlzettel mussten zugeteilt werden. Die­Methode war teilweise fehleranfällig, ­erinnert sich Losser: «Einmal musste ein Ehepaar seinen Bogen dreimal auszählen, und danach stimmte es leider immer noch nicht.»vDie Stimmen werden heutzutage digital erfasst. In Zweierteams bestehend aus Stimmenzählern und Gemeindeverwaltungsmitarbeitenden werden die Stimmen im System eingetragen. Das Programm erkennt dabei sofort, ob es Ungereimtheiten gibt.  

«Mich beeindruckt es jedes Mal, wie genau sich manche Küsnachterinnen und Küsnachter mit den Abstimmungsvorlagen auseinandersetzen», sagt Losser. So kommt es zum Beispiel bei den Kantons- und den Nationalratswahlen öfters vor, dass der leere Wahlzettel vollständig von Hand ausgefüllt und eingereicht wird. Bei den Nationalratswahlen, bisher mit 34 Kandidaten, bedeutet dies einen beachtlichen Einsatz des Stimmbürgers! Nimmt man die durch Panaschieren und Kumulieren abgeänderten Wahlzettel hinzu, entsteht ein deutlicher Mehraufwand für das Wahlbüro. Losser kann sich deswegen vorstellen für grosse Wahlen, wie für den Kantons- und den Nationalrat, auf veränderbare Wahlzettel zu verzichten: «Die unveränderten Listen verraten meistens schon das Ergebnis. Die Änderungen auf den Wahlzetteln nehmen nur wenig Einfluss», so Losser. 

Zudem wünscht sich der Stimmenzähler das Vorantreiben des E-Votings. Er erhofft sich einen effizienteren Abstimmungsprozess. Des Weiteren ist er überzeugt, dass die Wahlbeteiligung dadurch zunehmen würde. Die in der Politik vielfach angesprochenen Sicherheitsbedenken machen ihm weniger Sorgen: «Ich habe das Gefühl, manche Parteien sind von einer neuen Wählerschaft ver­un­sichert. Im E-Banking und in vielen ­weiteren Bereichen hat das Sicherheitsargument weder die Einführung noch den Betrieb verhindert.»  

Für die Zukunft zeigt sich das lang­jährige Wahlbüromitglied zuversichtlich. Die Urne sei in guten Händen. Als er ­angefangen hatte, waren die meisten Wahlbüromitglieder im Seniorenalter. Zurzeit ist das Gegenteil der Fall. «Die Jungen machen das mit viel Engagement und Motivation. Darüber mache ich mir keine Sorgen», so Losser.