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«Ich muss im Manuskript die Charaktere spüren»

Erstellt von Urs Heinz Aerni |
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Conny Vischer ist Autorin und Inhaberin des Verlages Vicon mit vielen Romanen, aber ohne Horrorthriller. Sie erklärt bei einem Gespräch in Albisrieden, warum und wieso ihr der Pflegeberuf als Verlegerin hilft.

Conny Vischer, sie lieben und kennen Schottland und veröffentlichen als ­Verlegerin ein buntes Programm aus Fantasybüchern und Krimis, auch historische ­Romane. Was muss beim ­Lesen eines ­Manuskriptes mit Ihnen ­passieren, um eine Chance zu bekommen?

Conny Vischer: Das Manuskript muss mich fesseln, ich muss wie ein Teil der Geschichte werden. Ich muss die Charaktere spüren. Wenn es sich um historische ­Romane handelt, muss der Sachverhalt korrekt sein.

Sie verlegen bewusst keine Kinderbücher, Gedichte, Horror- und Psychothriller. Schlechte Erfahrungen gemacht mit ­Autorinnen und Autoren von Kinder- und Horrorbüchern?

Nein, es sind keine schlechten Erfahrungen mit den Autorinnen und Autoren. Mit Horror- und Psychothrillern kenne ich mich schlicht zu wenig aus, da ich dieses Genre nicht lese. Gedichte sind auch nicht so mein Ding. Mir ist es wichtig, dass der Verlag verschiedene Genres anbietet, aber sich auch abgrenzt, um sich gezielter auf gewisse Bereiche fokussieren zu können.

Coronabedingt fielen viele Lesungen aus. Wie wichtig sind solche Veranstaltungen für Sie und Ihren Verlag?

Leseveranstaltungen sind sehr wichtig für Verlag und Autorinnen und Autoren. Man erreicht viele verschiedene Menschen mit verschiedenen Buchvorlieben auf einmal. Durch Gespräche an solchen Anlässen kann ich als Verlegerin herausfinden, welche Buchvorlieben ein Gast hat, und ihn auf andere, in meinem Verlag erschienene Bücher aufmerksam machen. Folgt im Vorfeld eine Pressemitteilung oder wird ein Bericht über die Lesung in den Tagesmedien geschrieben, erreicht man noch mehr Personen.

Sie kommen beruflich aus dem Pflege­bereich und irgendwann wagten Sie den Schritt ins literarische Verlagswesen. Ein mutiger Schritt angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage der Buchbranche.

Den Schritt in die Buchbranche habe ich wegen meiner Tochter gewagt. 2012 war sie mit ihrem Fantasiemanuskript beinahe fertig und bat mich um Hilfe bei der Verlagssuche. Ich hatte kurze Zeit vorher für einen jungen Autor das Management erledigt, deshalb war mir die Branche nicht ganz unbekannt. Daher wusste ich auch, dass es ein sehr schwieriges Unterfangen war, einen Verlag zu finden. Nach reiflicher Überlegung und vielen Gesprächen habe ich mich dann entschlossen, einen eigenen Verlag zu gründen. Ich erhielt von verschiedenen branchenkundigen Personen wertvolle Hilfe und Unterstützung. Auch heute noch darf ich von denselben Personen auf ihre wertvolle Unterstützung zählen.

Und, was Texte anbelangt?

Meine Angst, keine weiteren Autoren zu finden, erwies sich sehr schnell als unbegründet. Mittlerweile hat der Vicon-Verlag über 30 Bücher in verschiedenen Genres veröffentlicht. Die Zusammenarbeit mit den Autorinnen und Autoren ist mir sehr wichtig und bereitet mir sehr viel Freude.

Wie geht es Ihnen zwischen den beiden Berufswelten?

Meine Arbeit im Pflegebereich unterscheidet sich im ersten Moment total von der Arbeit in der Buchbranche. Bei genauerem Hinsehen gibt es aber einige Parallelen.

Die da wären?

In beiden Bereichen habe ich ein Ziel vor Augen. Ein Ziel, welches ich gemeinsam mit dem Bewohner respektive Autor oder der Bewohnerin und Autorin gesteckt habe und erreichen will. In beiden Branchen ist mir der Mensch, mit dem ich zusammenarbeite, wichtig. Nur so können die gesetzten Ziele erreicht werden. Es braucht in beiden Bereichen immense Geduld und Durchhaltewillen.

In Ihrem Programm führen Sie hauptsächlich Schreibende aus der Schweiz. 2021 bringen Sie ein Buch eines Berliner Autors heraus, mit einer Geschichte zwischen Grönland und Ostafrika. Übermut oder Vorfreude?

Ein bisschen beides. Die Zusammenarbeit mit einem Berliner Autor bietet mir die Möglichkeit, in Deutschland mehr Aufmerksamkeit auf meinen Verlag zu lenken und in Deutschland Fuss zu fassen.

Warum gerade dieses Buch?

Die Geschichte hat mich von Anfang an fasziniert. Beim Lesen war ich Teil der Geschichte. Der Roman entführte mich in ein Gebiet, welches ich nicht so gut kannte, und ich lernte einiges.

Wir sitzen hier in Albisrieden, der nächste Ort, an dem man Bücher kaufen kann, sind zwei Kioske, eine Postfiliale, ein Ex Libris am Lindenplatz, dann erst wieder die Buchhandlung Duplikat am Lochergut. Wie sehen Sie die Zukunft des Bücherlesens?

Ich bin überzeugt, dass es immer Menschen geben wird, die gerne in einer regionalen Buchhandlung in Büchern schmökern wollen, bevor sie es kaufen und lesen. Das Leseerlebnis mit einem physischen Buch bietet viel mehr als ein digitaler Download. Bücher bieten eine perfekte Möglichkeit, sich vom hektischen Alltag zu erholen. An einem schönen Ort in gemütlicher Atmosphäre ein gutes Buch lesen – was gibt es Schöneres?

Wie würden Sie diesen Satz beenden: Ich bin ins Buchgeschäft eingestiegen, weil ich überzeugt bin, dass ...

... Bücher immer einen speziellen Wert in der Gesellschaft haben werden.

 

Verlegerin und Leiterin eines Alterszentrums

Conny Vischer wurde in Winterthur geboren und machte eine Ausbildung zur Pflegefachfrau, damals noch «Krankenschwester». Heute leitet sie mit ihrem Mann ein Alterszentrum im Zürcher Unterland und ist Mutter zweier Kinder. Nach vielen Reisen wurde Schottland ihre zweite Heimat und bildet die Kulisse für ihre eigenen Romane. 2013 gründete Conny Vischer den Vicon-Verlag mit Sitz in Niederhasli. www.vicon-verlag.ch