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«Kontakte zur Politik sind extrem wichtig»

Erstellt von Thomas Hoffmann |
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Martin Bürki ist der neue Präsident bei der Dachorganisation der Quartiervereine. Er lehnt die städtische Idee von Anlaufstellen in den Quartieren ab.  

Die 25 Quartiervereine der Stadt sind in der Quartierkonferenz zusammengeschlossen. Seit Dienstagabend ­haben sie einen neuen Präsidenten: Martin Bürki. Der 50-Jährige tritt die Nachfolge von Christian Relly (79) an, der die Quartierkonferenz seit 2015 leitete.

Martin Bürki, wie schätzen Sie die ­städtische Überprüfung der ­Quartier­vereine ein?

Der Schnittstellenprozess beanspruchte viel Zeit und war für die Quartiervereine eine grosse Belastung. Leider hat er etwas unglücklich begonnen. Ausgelöst wurde er 2016 mit einer Weisung, in der es sinngemäss hiess, Quartiervereine seinen nicht mehr zeitgemäss. Das gab viele rote Köpfe. Doch der Prozess wurde dann sehr offen geführt. Und das Resultat zeigt, dass wir sehr wohl zeitgemäss sind und von der Stadt noch mehr Aufgaben zugewiesen bekommen. Wir sind also gestärkt aus dem Prozess hervorgegangen.

Aber die Quartiervereine erhalten mehr Konkurrenz durch andere Vereine und Interessen­gemeinschaften.

Ich sehe die Vereine und IG nicht als Konkurrenz. Vor allem die IG haben klare, eng begrenzte Ziele: auf dieser Strasse ­keinen Verkehr mehr, jenes Haus nicht abreissen. Wir aber kümmern uns ums ganze Quartier und sind politisch neutral, wir haben einen anderen Fokus. Es gibt uns seit 100 Jahren und ich denke es wird uns weitere 100 Jahre geben.

Aber bisher waren die Quartiervereine zentraler Ansprechpartner der Stadt und nun soll es je nach Quartier zwei, drei Gruppierungen geben wie im Kreis 5.

Dort sind wir im Gespräch. Die Frage um Gebiete haben wir auch mit Greencity, ­gehört es zu Leimbach oder zu Wollis­hofen? Die Stadt entwickelt sich und mit ihr die Quartiervereine. Dann sitzen halt die Vereine zusammen und lösen das.

Was ist für Sie als neuer Präsident der 25 Quartiervereine das grösste Problem?

Die Wahrnehmung der Quartiervereine bei Leuten unter 50 Jahren. Viele kennen uns nicht. Sie besuchen zwar mit ihren Kindern den Räbeliechtliumzug und gehen an den lokalen Markt, sie wissen aber nicht, dass er vom Quartierverein organisiert ist. Daran müssen wir noch arbeiten.

Haben die Quartiervereine die Zeit der Pandemie genutzt für den Aufbau ­digi­taler Möglichkeiten?

Mittlerweile hat jeder Quartierverein ­einen E-Mail-Verteiler, verschiedene sind auf Facebook, andere bieten Diskussionsmöglichkeiten auf ihrer Homepage, da ist viel passiert.

Also rennt die Stadt offene Türen ein?

Die Stadt plant eine neue Seite, auf der man Projekte aufschalten oder Leute zum Mitwirken suchen kann. Das begrüssen wir sehr. Die Bevölkerung wird digitaler und da gehen wir mit, nehmen aber Rücksicht auf unsere älteren Mitglieder, die kein Internet benutzen.

In einem Bereich werden die Quartier­vereine wichtiger: Die Stadt will, dass sie Vernetzungstreffen organisieren.

Ein Drittel der Quartiervereine hat das bereits früher gemacht. Ich sehe das als grosse Chance, die Quartiervereine können sich als Ansprechpartner im Quartier positionieren. Und wir können die Pro­bleme der einzelnen Vereine aufnehmen und bei der Stadt an der richtigen Stelle vorbringen.

Kann man die zusätzliche Arbeit weiterhin ehrenamtlich leisten?

Für mich ist das ein wichtiges Merkmal der Quartiervereine. Wir setzten uns ­ehrenamtlich und mit Elan für ein lebendiges Quartier ein. Bisher können wir das gut stemmen und wir finden immer wieder Leute, die gerne mitwirken. Doch wir müssen neue Formen der Mitarbeit anbieten. Früher konnte man nur mitar­beiten, wenn man ein Vorstandsamt ­innehatte. Heute kann man sich projektbezogen engagieren, ohne im Vorstand zu sein.

Der Überprüfungsprozess ist ja noch nicht abgeschlossen. Künftig soll es in den Stadtteilen «Drehscheiben» geben als niederschwellige Anlaufstelle.

Ich persönlich sehe diese Drehscheiben sehr kritisch. Die Stadt hat in den letzten Jahren die dezentralen Anlaufstellen aufgelöst: die Quartierwachen wie die Kreisbüros. Nun will sie wieder dezentrale Stellen aufbauen, die einen halben Tag offen sind. Das geht völlig gegen die Tendenz der Stadt, alles mehr zu zentralisieren.

Es braucht die Drehscheiben also nicht?

Die Leute können ihre Anliegen direkt beim Quartierverein vorbringen. Sie können uns ihr gutes Projekt vorstellen und wir geben eine Anschubfinanzierung. Wenn sie ein Problem haben, können wir sie an die zuständige Stelle bei der Stadt weiterleiten. Und in den meisten Kreisen haben wir ein Gemeinschaftszentrum, wo Informationen aufliegen und die Leute Fragen stellen können. Ich sehe beim besten Willen nicht, was der Mehrwert solcher Drehscheiben sein soll.  

Auseinandersetzungen mit der Stadt gibt es manchmal auch in den Quartieren.

Ja, Quartiervereine können etwas zum Thema machen. Beispielsweise wollte die Stadt vor einigen Jahren alle Fussgängerunterführungen beim Mythenquai aufheben, eine direkt bei der Badi, die im Sommer täglich von Hunderten Kindern benützt wird. Wir organisierten eine Veranstaltung, zu der 400 Leute kamen sowie Vertreter der Stadt. Die Stadt dachte, sie hätte etwas Gutes geplant, doch die Bevölkerung war vehement dagegen. Kurz danach wurde das Projekt gestoppt. Da wir so etwas ermöglichen können, sind wir wohl für gewisse Leute aus dem Stadtrat oder der Verwaltung kein angenehmer Gegenpart. Wir können gut mit allen reden, aber wenn es nötig ist, können wir die Zähne zeigen.

Welche Macht hat eigentlich die Quartierkonferenz? Gibt es eine Handhabe ­gegen einen Verein, der sich querstellt?

Wir haben seit einigen Jahren neue Statuten. Einen Quartierverein, der sich nicht an die Regeln hält, können wir zurechtweisen indem wir eine Rüge erteilen und wir können ihm temporär den Titel als Quartierverein entziehen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit würde dann die Stadt ihre finanziellen Beiträge zurückhalten.  

Sie sind politisch gut vernetzt. Inwiefern ist das von Vorteil?

Jetzt, da die Neubeurteilung der Quartiervereine läuft, ist es extrem wichtig, dass wir Verknüpfungen zur Politik haben. ­Daher habe ich mit Balz Bürgisser die
IG Quartiervereine im Gemeinderat gegründet, damit wir unsere Anliegen koordinieren können. Und wenn man die Stadträte jede Woche sieht, kann man vieles auf informellem Weg regeln und lösen.

Sie sind Quartiervereinspräsident in Wollishofen, waren Gemeinderatspräsident, nun sind Sie Präsident der Quartier­konferenz. Was folgt als nächstes?

Ich habe diese Ämter nicht gesucht, das entwickelte sich. Mir gefallen Funktionen, in denen ich etwas einbringen und die Leute vernetzen kann. Und ich bin durchaus offen für Weiteres.