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Lebensqualität ohne Energieschleudern

Erstellt von Urs Heinz Aerni |
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Zwischen Altstetten und Albisrieden stehen grosse bauliche Veränderungen an. Jan Baumgartner, Geschäftsführer Baugenossenschaft Zurlinden, erklärt die Gründe, die Pläne und wie er die Veränderungen der Stadt erlebt.

Herr Baumgartner, die Baugenossenschaft Zurlinden hegt grosse Pläne. Diese werden den Wohnquartieren zwischen Albisrieden und Altstetten ein ziemlich neues und anderes Gesicht geben. Wie ­reagierten Ihre Mieterinnen und Mieter?

Jan Baumgartner: Wir haben Mieter, die seit über 40 Jahren hier leben und einen entsprechend moderaten Mietzins zahlen. Es kann in Einzelfällen nicht einfach sein, da Neubauwohnungen mehr kosten werden. Hier sind sicher kritische Reak­tionen zu erwarten.

Wie gehen Sie damit um?

Unser Ziel ist es, möglichst vielen Menschen bezahlbaren Wohnraum zu bieten, welcher nicht der Spekulation ausgesetzt ist. Hier verdoppeln wir ziemlich genau dieses Angebot. Das ist eine Chance für mehrere hundert Menschen, ein Zuhause in einem fairen Gefüge finden zu können.

Von der BGZ hört man oft in Zusammenhang mit der 2000-Watt-Gesellschaft.

Ja, denn unser Verständnis von Gemeinnützigkeit geht weit über das Finanzielle hinaus. Wir bauen sehr aufwendige Häuser, die den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft folgen, was uns täglich vor grosse Herausforderungen stellt.

Die da wären?

Einerseits müssen wir kostengünstig bauen, eine Grundlage für die Höhe der Mietzinse, und andererseits ist der Einsatz einer Technik, die der modernsten Energieeffizienz entspricht, teurer und bedingt eine komplexere Installation. Um diesen Spagat zu schaffen, entwickeln wir eigene Bausysteme.

Die Stadt ist ja auch Genossenschafterin bei der BGZ, oder?

Korrekt; und durch einen städtischen Vertreter im Vorstand eingebunden. Dieser bringt die Bedürfnisse der Stadt ein und ergänzt das Gremium mit zusätzlicher Kompetenz. Für mich ist die Gemeinnützigkeit gleichbedeutend mit Lebensqualität. Mit 100 Jahren Erfahrung im Bau von gemeinnützigem Wohn- und Lebensraum können wir viel Wissen und Qualität mit einbringen.

Wie macht sich diese Tradition nun hier im Kreis 9 bemerkbar?

Auf diesen Gebieten zwischen Bachwiesen, Bockhorn- und Diggelmannstrasse verzichten wir auf einen beachtlichen Teil des gesetzlich verfügbaren Potenzials der Ausnutzung. Übrigens setzt sich der BGZ-Präsident, Urs Frei, konsequent dafür ein, denn er lebt selbst hier in Albisrieden und möchte das Quartier nicht in eine Betonwüste verwandelt sehen.

Die Genossenschaft hat sich die 2000- Watt-Gesellschaft auf die Fahne geschrieben und man vernimmt von ihr immer wieder Ziele wie Umweltverträglichkeit. Wie wollen Sie das erreichen?

Zu den zentralen Faktoren zählt erstens die Energieproduktion unter anderem durch Fotovoltaikanlagen für die Umwandlung von Sonnenenergie in elektrischen Strom. Zweitens die Minimierung des Energieverbrauchs wie zum Beispiel durch einfache Baukörper mit möglichst wenig Oberfläche und guter Dämmung. Drittens eine Energiespeicherung durch thermische Speicher oder durch Umwandlung von Strom in Wasserstoff. Viertens das Reduzieren von sogenannter grauer Energie, das heisst beispielsweise mehr Holz statt Beton verwenden. Fünftens eine gute soziale Durchmischung und ein ressourcenschonendes Mobilitätskonzept. Kurz: Wir wollen einfach Energie möglichst effizient nutzen.

Die Bauetappen an der Diggelmann- und an der Bockhornstrasse werden bis 2029 dauern. Was raten Sie den Bewohnerinnen und Bewohnern für diese doch lange Zeit der Neugestaltung ihrer Umgebung?

Da wir mit viel Holz arbeiten, werden Holzbauelemente in den Werkstätten unserer Genossenschaftern vorfabriziert, das vermindert der Baulärm wesentlich. Auch Steinfräsen mit der üblichen Staubentwicklung wird es nicht geben. Die erste Phase wird am lärmintensivsten sein, wenn die alten Gebäude zurückgebaut werden und dann die Bagger den Aushub vornehmen. Immer wieder interessant, diese Arbeiten zu beobachten.

Die Stadt Zürich hat sich baulich in den letzten Jahren sehr verändert und rund um das Stadtzentrum eine neue Skyline erhalten. Wie erleben Sie persönlich diese Veränderungen?

Es stimmt, die Türme wachsen im Rohbau pro Woche um ein ganzes Stockwerk und wenn man sich für ein paar Wochen oder Monate nicht achtet, sieht die Skyline plötzlich wieder ganz anders aus. Wir als Baugenossenschaft bewegen uns im ­Haifischbecken der grossen Investoren. Unser Motto ist ein regelmässiger freundschaftlicher und konstruktiver Austausch trotz direkter Konkurrenz bei Kauf von Liegenschaften.

Es kann schon mal hart zur Sache gehen?

Sicher. Obwohl wir finanziell schlagkräftig aufgestellt sind und zwischendurch sportliche Preise bezahlen, haben wir keine Chance, wenn ein institutioneller Investor das grosse Portemonnaie zückt. Die Preise, die im Moment für Anlage­immobilien bezahlt werden, erstaunen mich immer wieder aufs Neue. Ein positiver Aspekt der aktuellen Bautätigkeit ist sicher, dass verdichtet wird und viele alte Energieschleudern ausser Betrieb genommen werden. Auch die Architektur der Neubauten finde ich oft schlicht schön und die Türme faszinieren mich als Landei halt schon.

Wo sehen Sie denn Gefahren?

In den Folgen der Minizinspolitik der Banken und darin, dass man als Akteur im Immobilienmarkt unvorsichtig wird. Man kann sie förmlich riechen, die grossen Risiken, die noch diffus und weit weg sind. Gegenwind wird irgendwann kommen, bis dahin versuchen wir einen guten Job zu machen, unser Portfolio fit und sturmsicher zu halten, dank sehr guten Beraterinnen und Beratern und einem Vorstand mit zusammengerechneten 300 Jahren Erfahrung (lacht).

Die Baugenossenschaft wird in zwei ­Jahren 100 Jahre alt. Wohl ein Grund zu ­feiern. Schon Pläne?

Und wie! Wir haben viele Ideen und ein grobes Konzept zusammen.