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Manchmal muss man genau hinschauen

Erstellt von Elke Baumann |
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Das Kunsthaus Zürich widmet sich aktuell einem international anerkannten Maler, Bildhauer und Fotografen. Gezeigt werden Gerhard Richters Landschaftsbilder. Seine Gemälde reichen von fotorealistisch bis abstrakt – und faszinieren.

Gerhard Richter, geboren 1932 in Dresden, gehört zu den bekanntesten Künstlern der Gegenwart. Im Mittelpunk der Ausstellung im Kunsthaus Zürich stehen Richters Landschaften, mit denen er sich lebenslang beschäftigt hat. Er sucht seine Landschaftsvorlagen in Büchern, Foto­alben oder von Postkarten, später sind es eigene Urlaubsfotografien.

Mitte der 1960er-Jahre beginnt Richter sich auf Fotomalereien zu konzentrieren. Zu seiner Methodik gehört es, das fotografische Bild stark vergrössert auf eine Leinwand zu projizieren und die genauen Umrisse nachzuzeichnen. Mit überbreiten Pinseln trägt er dann Farben auf, die er, um Unschärfe zu erzeugen, anschliessend verwischt. Manchmal mit einer sanften Bewegung, manchmal mit einem Rakel. Wer also glaubt, Richters Landschaften seien nach der Natur entstanden, irrt: Es sind Landschaften aus zweiter Hand.

Richter kann auch anders

«Ich verwische, um alles gleich zu machen und gleich unwichtig. Ich ver­wische, damit es nicht künstlerisch-handwerklich aussieht, sondern technisch, glatt und perfekt. Ich verwische, damit alle Teile etwas ineinander rücken. Ich ­wische vielleicht auch das Zuviel an unwichtiger Information aus», so ein bekanntes Zitat von Richter.

Die romantischen Landschaftsdarstellungen von Caspar David Friedrich (1774 bis 1840) haben einen tiefgreifenden Einfluss auf Richters Arbeiten. In ihnen widerspiegeln sich seine Liebe und Verbundenheit zur Natur. Weiter Himmel, tiefer Horizont, stimmungsvolle Sonnenuntergänge, Nebellandschaften, Wolkenbilder und ­Regenbögen. Richters Bilder faszinieren.

Richter kann aber auch anders. Zum Beispiel mit breiten Pinselstrichen ­abstrakte Gebirgs-, Park- und Stadtbilder malen. Das gewaltige zweiteilige Werk «St. Gallen», 250 mal 680 Zentimeter, wirkt wie ein grandioses Spiel von Farben und Linien. Schaut man aber genauer hin: «Sieht man da nicht einen Teich, in dem sich Bäume spiegeln?»

Ebenso beim «Dschungelbild». Nur grüne, braune, beige Striche. Ein Tipp: ­Näher herantreten, noch einmal genau schauen, und – es funktioniert: Man erkennt Lianen, Dickicht und einen Lichtfleck.

Ausstellung umfasst 80 Gemälde

Auch beim 200 mal 200 Zentimeter grossen Ölbild «Seestück» muss der Betrachter zweimal hinschauen. Erst dann erkennt er, dass die Wolkendecke oberhalb des Bildes nicht aus Wolken, sondern aus Wellen besteht. Es handelt sich um eine Bildmontage. Richter kombiniert zwei Wasserfotos zu einer fiktiven Landschaft. Das «Seestück» ist gleichzeitig ein «Sehstück».

Die Ausstellung umfasst 80 Gemälde, dazu Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotoarbeiten, Künstlerbücher und Objekte von 1957 bis 2018. Dabei werden sowohl bekannte Hauptwerke als auch Arbeiten präsentiert, die selten oder noch nie ­öffentlich zu sehen waren.

Vertieft werden kann das Geschaute durch Audioguides und gut lesbare Texte. Die Präsentation ist hervorragend. Jedes noch so kleine Objekt bekommt seinen grossen Auftritt. Es sind Bilder voller ­Atmosphäre, Bilder voller Schönheit.

Der Rundgang durch die Räume wird zu einem Spaziergang zwischen figurativer und abstrakter Kunst, zwischen Tristesse und Heiterkeit.

Ausstellung bis 25. Juli: www.kunsthaus.ch