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Marco Cortesi blickt zurück

Erstellt von Lorenz Steinmann |
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Wer an die Stadtpolizei Zürich denkt, dem kommt rasch Marco Cortesi in den Sinn. Der langjährige Mediensprecher mit dem kernigen Bündner Dialekt ist Aushängeschild und Sympathieträger zugleich. Ende Monat geht Cortesi in Pension.

Vom Streifenwagenfahrer zum berühmtesten Polizisten der Schweiz: Was Roger Federer fürs Ansehen des Tennis, ist Marco Cortesi fürs Polizeiwesen: ein Markenbotschafter, ein Gesicht mit positiver Ausstrahlung. Dabei ist der Alltag nicht immer einfach. Leicht durchgefroren empfängt Marco Cortesi diese Zeitung in seinem Büro in der Hauptwache zum einstündigen Interview. Die Kälte darum, weil er eben von einem Einsatz zurückkommt. Ein VBZ-Trolleybus ist am Limmatplatz in einen Brunnen gekracht. Zum Glück ohne allzu schlimme Folgen. Das ist typisch für Marco Cortesi und seinen Beruf. Er muss jederzeit parat sein fürs Ausrücken. Eine Schiesserei, eine Entführung, ein schwerer Unfall. Der gebürtige Engadiner sorgt seit Jahrzehnten dafür, dass die Medien möglichst rasch und umfassend informiert werden. Die Flexibilität ist es vor allem, die auch nach 37 Jahren Stadtpolizeidienst gefragt ist. Sonst ist mehr Schreibarbeit hinzugekommen. Aber für Marco Cortesi ist und bleibt der Polizeiberuf einer der spannendesten und schönsten Jobs. «Genau auf mich zugeschnitten», sagt er. Nach der Pensionierung Ende Januar - Cortesi wird 65, obwohl man es ihm nicht ansieht - will er sich selbstständig machen. Er bietet dann Kommunikation, Medientrainings und Krisenmanagement an. Seine Kernkompetenzen will er also weitergeben.

Zuerst aber das Interview: Marco Cortesi, drehen wir das Rad ins 1986 zurück. Sie waren bei der Stadtpolizei als Streifenwagenfahrer im Kreis 4 im Einsatz. Was ist Ihnen von damals geblieben?
Streifenwagenfahren ist wohl eine der spannendsten Zeiten, die man bei der Stadtpolizei erleben kann. Ich bin froh, konnte ich das erleben. Schon bei der Kriminalpolizei nahm die Schreibarbeit zu. Der Streifenwagenfahrer ist ein Einsatzberuf, nachher wird der Job noch mehr zum Schreibberuf.
Ist das ein Grund, warum die Stadtpolizei oft Mühe mit dem Nachwuchs hat?
Die Anforderungen sind sehr hoch. Ein Polizist muss jeden Sachverhalt so dokumentieren, dass er nachvollziehbar ist. Jeweils 400 interessieren sich, 80 bewerben sich und 20 nehmen wir. Diese sollen ein Abbild der Bevölkerung darstellen, einen Durchschnitt.
Aber Ausländer können nach wie vor nicht Polizist werden, oder?
Meine persönliche Meinung ist da nicht gefragt. Die Vorgabe ist, dass jemand bei Beginn der Polizeischule Schweizer sein muss. Ich finde diese Regelung okay.
Ist es aus Polizeisicht sinnvoll, dass bei Tätern die Nationalität nur noch auf Nachfrage der Journalisten genannt wird?
Das ist ein politischer Entscheid. Wir setzen das um, was das Gesetz und die Politik vorschreiben.
Zurück zu Ihren Anfängen bei der Stapo. Waren Sie schon damals so kommunikativ?
Als in Zürich zur Stadtpolizei kam, wusste ich nicht so recht, ob ich die Medien und auch die Medienstelle gut finden sollte oder nicht. Dann merkte ich aber, dass der Beruf des Mediensprechers genau auf mich zugeschnitten ist.
Wie lief das ab, dass Sie 1992 in die Kommunikation wechseln konnten? Damals war noch Bruno Kistler Medienchef, oder?
Genau. Das wäre doch etwas für dich, hiess es. Zuerst hatte ich Bedenken, weil die Medienwelt fast nur aus Radio Beromünster bestand. Aber dann wurden die Medien vielfältiger, es gab auch viel mehr ­Radio- und TV-Sender, aber auch Zeitungen. So waren meine Perspektiven sehr gut.
2007 wurden Sie Chef. Damals war Esther Maurer Ihre politische Vorgesetzte. Wie kamen Sie aus mit ihr?
Sehr gut, auch heute noch. Ich finde sie eine tolle Person und eine sehr gute Politikerin, immer engagiert, auch für die Sache der Stadtpolizei.
Nacheinander wurden die linksgrünen Daniel Leupi, Richard Wolff und nun Karin Rykart Ihre politischen Chefs. Mit wem hatten Sie es gut, mit wem weniger?
Ich bin mit allen gut ausgekommen. Das ist eine Grundbedingung für meinen ­Beruf. Verständnis haben für die Sichtweise anderer. Die Polizei kann nicht einfach stehen bleiben. Zürich entwickelt sich, die Menschen entwickeln sich. Entsprechend muss sich auch die Polizei bewegen.
Aber einmal hatten Sie doch Streit mit Frau Maurer wegen eines Chefposten? Sie wurden heruntergestuft. Wie war das ­genau?
Ich hatte nicht Streit mit Frau Maurer. Es war ein corpsinterner Entscheid, dass eine externe Frau als Kommunikationschefin gewählt wurde. Es war also ein operativer Entscheid des Kommandanten. Der Kommandant trennte aber nach kurzer Zeit die Medien- und Kommunikationsstelle wieder. Im Nachhinein sicher ein richtiger Entscheid. Vorher musste ich mich auch mit der internen Kommunikation, also mit Broschüren, Personalwerbung und mit dem aufkommenden Internetauftritt beschäftigen.
Was ist Ihnen lieber, ein ruhiger Tag ohne Action oder ein Notfall, der Ihren Einsatz nötig macht wie heute Morgen (ein VBZ-Unfalls am Limmatplatz, die Red.)?
Beides. Das war die letzten 20 Jahre so. Nur jetzt in der Corona-Zeit ist es speziell. Es ist weniger los in der Stadt. Die Stimmung ist gedämpft. Gelernt habe ich, dass man jeden Tag nimmt, wie er kommt. Entscheiden muss man situativ. Mit Frau Hödl hatte ich aber die beste Stellvertreterin, die man sich vorstellen kann. Das ganze Team, Herr Surber und Herr Walker, sind nicht nur fachlich, sondern auch menschlich top. Auch darum gab es keinen Tag, an dem ich nicht gerne arbeiten kam.
Die Bevölkerung ist viel zufriedener mit der Polizeiarbeit als vor 20 Jahren. Woran liegt das?
Wir sind heute fähig, auch mal zu sagen: Das haben wir nicht gut gemacht. So eine Fehlerkultur nach aussen zu vertreten, spüren auch die Bürgerinnen und Bürger.
Die Polizei steht aber auch stärker unter Beobachtung. Sind neue Medien (Facebook, Twitter, Handyfotos) ein Problem für die Polizeiarbeit und im Besonderen für die Kommunikation?
Der Faktor Zeit ist ein wichtiger Faktor. «Richtig vor schnell» ist mein Credo. Das ist aus Sicht der Medien oft umgekehrt. Dabei dachte ich etwa beim Tschanun-Mord: Schneller gehts nicht mehr, wenn der Radio-24-Mann in die nächste Telefonkabine spurtete. Heute werden Medienkonferenzen live gestreamt. Jetzt. 1:1. Heute ist es so, dass die Meldung schon online ist, wenn ich von einer Medienkonferenz zurückkomme.
Im Tele-Züri-Bericht über den jüngsten Zürcher «Tatort» machten Sie und Judith Hödl einen geknickten Eindruck. Hing das damit zusammen, dass die Stapo extrem schlecht wegkam im Krimi?
Das Schweizer Fernsehen und TeleZüri wünschten, dass wir den Krimi aus Polizeisicht beurteilen. Etwa die falsch getragene Waffe, einfach eine Leiche umdrehen und solche Dinge. Frau Hödl hörte nach einer Weile auf Fehler zu notieren. Sie hatte schon drei Seiten voll geschrieben. Uns gefiel aber auch nicht, wie schlecht die Stapo dargestellt wurde.
Trotzdem: Dass die Kapo und nicht die Stapo die offizielle Tatort-Polizei ist, finden Sie das nicht schade?
Fakt ist, dass Kapitalverbrechen grundsätzlich von der Kantonspolizei bearbeitet werden. Aber wenn etwas passiert in Zürich, ist zuerst die Stapo zuständig. Den Erstangriff machen wir zusammen mit der Staatsanwaltschaft.
Aber es schmälerte schon die Chance auf einen Gastauftritt?
(Lacht) Nein, nein. Überhaupt nicht. Ich war immer sehr zufrieden und ausgefüllt von meinem Beruf. Er hat meine Erwartungen bei weitem übertroffen. Mein Job ist sicher einer der spannendsten der ganzen Schweiz.
Hatten Sie sonst mal einen Schauspielauftritt?
Regisseur Michael Steiner fragte mich tatsächlich mal an, ob ich in seinem Film «Grounding» mitspiele. Das Kommando war dann dagegen (lacht). Ich hatte aber einen Kurzauftritt beim Steiner-Film «Mein Name ist Eugen».
Welches Erlebnis in Ihrer Karriere ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
(Überlegt, wird ernst.) Schlussendlich sind es die belastenden Momente, die zurückbleiben. Etwa die Geiselnahme am Döltschiweg, wo der Täter zwei Geiseln und dann sich erschoss. Das ist belastend und traurig. Das geht einem nichts links vorbei. Auch nicht, als ein Mann fast vollständig von einer Strassenwalze überfahren wurde. Da brauchten sogar die ausgerückten Ärzte psychologische Hilfe. Das war schlimm.
Wie können Sie solche Erlebnisse verarbeiten?
Wichtig und gut ist, dass wir viel miteinander sprechen. Das hilft schon mal. Wir sind wie erwähnt ein super Team mit Judith Hödl, Marc Surber und Michael Walker.
Und am Abend und in der Freizeit?
Abschalten kann ich am besten bei der Familie, mit der Freundin, mit Sport. Rennvelo, Biken, Langlaufen, Skitouren, Bergwanderungen und so weiter.
Was wünschen Sie sich von der Zürcher Bevölkerung?
Da wo nicht vorhanden, Respekt gegenüber anderen Menschen und das Akzeptieren anderer Meinungen. Wenn ich gewisse Situationen in Schulen beobachte, mache ich mir Sorgen. Etwa wenn bereits Kinder von Gleichaltrigen an den Rand gemobbt werden, dass sie nicht mehr funktionieren können.
Auf Ende Januar werden Sie pensioniert. Marco Cortesi Medientraining/Krisenmanagement heisst Ihre neue Firma (cortesi- kommunikation.ch). Können Sie nicht loslassen?
Doch. Aber ich fühle mich gut, fit und ich habe noch viele Ideen. Firmen sind möglicherweise froh, wenn sie Hilfe oder eine zweite Meinung bekommen.
Haben Sie auch ein Mandat von Ihrer Nachfolgerin Judith Hödl?
(Lacht) Nein. Sie ist schon lange meine Stellvertreterin und hat das sicher nicht nötig. Aber vom Schweizerischen Polizeiinstitut habe ich bereits einen Auftrag bekommen.
 

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Nachgefragt/ Marco Cortesi privat

"Die spezielle Palü-Begegnung"

In Ihrem Büro hängt ein Alois Carigiet. Ein Bündner Oberländer. Warum kein ­Engadiner Maler? Etwa ein Segantini?
Das ist eine Kostenfrage. Der Carigiet ­gehört mir, ebenso wie das Bild mit dem Tiger von Rolf Knie. Das aber schenke ich meiner Nachfolgerin Judith Hödl. Es ist ­einiges wert, aber das «Tiger-Thema» verbindet sie mehr als mich. Sie hat den Tigerfall im Zoo im Juli 2020 kommunikativ alleine gelöst.
EHC St. Moritz oder der HC Davos?
(lacht). Schon der HCD. Ich finde es toll, dass ein Bündner Club im Spitzensport vorne mitmischt. Das ist nicht selbstverständlich.
Plain in Pigna oder Rösti?
Sicher Plain in Pigna. Ein feines Engadiner Gericht, mit geraffelten Kartoffeln und Landjäger verfeinert. Früher wurde die «Ofenrösti» im Stubenofen oder im Backofen auf Glut gebacken.
Mount Everest oder Piz Palü?
Der Piz Palü (Cortesi strahlt). Da kommt mir eine Geschichte in den Sinn. Ich war alleine auf dem sogenannten Sattelplatz kurz vor dem Ostgipfel des Piz Palü. Da oben war ich schon mehrmals. Da kam mir ein Alpinist entgegen. Er war verzweifelt. Der Deutsche fragte mich, ob er meine Steigeisen haben könne. Ohne  komme er nicht auf den steilen Gipfel.  Nach einer kurzen Bedenkzeit gab ich sie ihm. Ich bat ihn, die Steigeisen dann nach Samedan zu meiner Mutter zu bringen. Er brachte sie tatsächlich zurück, zusammen mit einem Kuchen. Seither schreibt er mir regelmässig ein Kärtli oder ruft an. Er sagt immer, ich sei sein bester Freund.  
Golf oder Tennis?
Golf. Aber das ist schon ewig her (lacht). Anmerkung: Cortesi hatte mal ein tiefes Handicap.
Wo genau sind Sie aufgewachsen?
In Samedan. Ich ging dort in die Hochschule auf 1721 Metern über Meer (lacht).
Von wo kommt das Cortesi-Geschlecht?
Aus dem Puschlav. Mein Vater ist von ­Poschiavo, aber auch er ist schon in Samedan aufgewachsen, so wie ich auch.
Warum kamen Sie nach Zürich?
Zürich faszinierte mich und Zürich ist auch heute noch eine der schönsten Städte der Welt.
Ein Seebub sind Sie aber nie geworden?
Nein, auch wenn es im Engadin ebenfalls unglaublich schöne Seen hat.