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Roter Backstein mit seidener Vergangenheit

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Das Kulturzentrum Rote Fabrik in Wollishofen feiert heuer seinen Vierzigsten. Unter anderem mit monatlichen Führungen, bei denen Spannendes aus der langen Geschichte des roten Gemäuers zu erfahren ist.

In der Beiz Ziegel oh Lac und auf dem Spielplatz der Roten Fabrik herrscht an diesem frühen Sonntagnachmittag ein dichtes Treiben, Joggerinnen und Spaziergänger bevölkern den Weg Richtung Cassiopeiasteg, und auch vor der Aktionshalle hat sich eine grössere Gruppe versammelt. Es sind die Teilnehmenden einer Führung durch das Kulturzentrum, das heuer seinen 40. Geburtstag feiert. Das ganze Jubeljahr hindurch werden Interessierte es immer wieder Gelegenheit haben, sich unter kundiger Anleitung ein Bild vom aktuellen und früheren Leben zwischen den historischen Backsteinmauern zu machen.

Am Anfang war die Seide

Der Kundige an der Februar-Führung ist Hans X. Hagen, seit 1980 in der Roten Fabrik aktiv, unter anderem als Mitorganisator des Freiluftkinos Film am See. Der 64-Jährige gilt als das «Gedächtnis der Roten Fabrik». Seit vielen Jahren sammelt er, was ihm über die früheren Tage des heutigen Kulturzentrums in die Finger gerät. Die historischen Fotos und Schriftstücke, die er an der Führung zeigt, stammen aus seinem Archiv. Sie erzählen vom Leben in der Seidenfabrik, die hier gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf dem aufgeschütteten Seeufergelände entstand.

Erbauer der Fabrik war der preussische Kaufmann und Kunstmäzen Karl Gustav Henneberg, der an der Bahnhofstrasse ein Seidengeschäft führte und sich als «Königlicher & Kaiserlicher Hofflieferant» anpries – wie Lieferscheine aus Hagens Archiv zeigen. In seiner Wollishofer Fabrik betrieb Henneberg ab 1894 eine mechanische Seidenstoffweberei mitsamt Seidenraupenzucht. Die lauten Fressgeräusche des mit Maulbeerbaumblättern gefütterten Raupenheers habe man sogar draussen hören können, besagen Überlieferungen aus der Zeit.

Das Leben in der Seidenfabrik dokumentieren auch die von Hagen gesammelten Zeitungsartikel. So berichtete der «Grütilaner» 1896 über einen Streik: 200 Textilarbeiterinnen und -arbeiter forderten damals eine Erhöhung ihres «elenden Futtergeldlis» und eine Reduktion der Tagesarbeitszeit von 11 auf 10 Stunden. Am Ende erreichten sie 10,5 Stunden Arbeitszeit zum gleichen Lohn.

Mehr Kultur statt mehr Strasse

Bereits 1899 verkaufte Henneberg seine Fabrik an die Stünzi Söhne Seidenwebereien aus Horgen. 1933 gaben auch die Stünzis die Fabrik auf. So zogen zuerst ein Ölhändler und ab Mitte der 1930er-Jahre die ganze Bell Standard Telephon und Radio AG in die roten Ziegelsteinbauten. Nach deren Wegzug erwarb 1972 die Stadt Zürich die Fabrik. Und zwar als Abbruchobjekt: Sie sollte einer Verbreiterung der Seestrasse weichen. Eine Volksinitiative der SP für einen Erhalt als Kulturzentrum und ein entsprechender Volksentscheid von 1977 durchkreuzten die schnöden Pläne der Stadt. Doch erst mit den Opernhauskrawallen von 1980 und einer weiteren Volksabstimmung konnte sich die Rote Fabrik zu dem entwickeln, was sie heute ist: eines der grössten und vielseitigsten alternativen Kulturzentren Europas.

Gewisse Dinge wie die basisdemokratische Organisation des Kulturbetriebs und der Leistungsvertrag mit der Stadt für jährlich mehrere hundert Veranstaltungen seien bis heute gleich geblieben, rekapituliert Hagen vor den Führungsteilnehmenden. Diese haben auch Gelegenheit, einen Blick in die Räume hinter den bunten Fassaden zu werfen. Sei es in den Backstage-Bereich für die Bands der Aktionshalle, in den Clubraum, ins Fabriktheater, in die Proberäume des Theaters Hora, in die Shedhalle, wo früher Seidenfäden gesponnen wurden und heute die Kunst zu Hause ist, oder in die Büroräume, wo unter anderem die Fabrikzeitung entsteht. Auch verschiedenste zugewandte Gruppierungen und Vereine sind auf dem Areal angesiedelt. Von der Velowerkstatt über den Spielbus bis zum Malatelier der Schule F&F.

Die Stadt vermietet in den früheren, seit 1985 denkmalgeschützten Industriebauten zudem Künstlerateliers. Diese wurden allerdings zum Teil bei einem Brand 2012 zerstört. Aus Sicherheitsgründen musste später auch der Publikumsbetrieb der darunterliegenden Aktionshalle eingeschränkt werden.

RF wie Roger Federer

Das umfassende Sanierungsprojekt, das die Stadt daraufhin aufgleiste und das auch eine Aufstockung des Aufbaus über der Aktionshalle umfasst, ist allerdings bis heute durch Rekurse blockiert. Das könnte noch eine Weile so bleiben. Den Verdacht erweckt zumindest ein Blick ins Programmheft des Fabriktheaters, das Co-Theaterleiterin Silvie von Kaenel an der Führung verteilt. Das kleine rote Heft enthält nämlich auch eine launige Chronologie der Roten Fabrik, die über das Heute hinausgeht. Zum Beispiel ins Jahr 2043: «Nachdem alle Einsprachen abgeschmettert wurden, wird die Brandsanierung der Aktionshalle doch noch durchgeführt», heisst die Voraussage. Und 2045, so unken die Fabrik-Visionäre frohgemut, spaltet sich das Kollektiv auf: Die einen wollen die Fabrik in eine Altersresidenz für sich selbst umwandeln, die anderen lieber das inzwischen brachliegende benachbarte Kibag-Gelände besetzen. Die Prognosen enden im Jahr 2051. Dann, wenn Roger Federer (RF) in die Rote Fabrik (RF) einzieht. Diese wird sich zu dieser Zeit allerdings als Überbauung mit Villa, Minigolfanlage, Yachthafen, Tennishalle, Eishalle und Shoppingmall präsentieren.

Doch zurück in die nähere Zukunft: Der März-Rundgang mit RF-«Urgestein» Marianne Spieler – sie gründete 1985 die Spielgruppe und brachte so auch die kleinsten Kinder in die Rote Fabrik – wurde wegen des Coronavirus abgesagt. Wann die nächste der vorgesehenen monatlichen Führungen stattfindet, wird auf www.rotefabrik.ch zu erfahren sein. (Lisa Maire, Text und Fotos)