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Sie wagte den Schritt nach Hollywood

Erstellt von Isabella Seemann |
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Die Geschichte klingt nach «La La Land», nach Klein-Mädchen-Träumen und Klischees: Die 25-jährige Obersträsslerin Chantal Casutt versucht sich in Kalifornien als Schauspielerin und Produzentin. Doch beweist sie dabei Realitätssinn, Hartnäckigkeit – und Mut.

Hollywood wäre nicht Hollywood, wenn es nicht auch der Coronakrise versuchte, mit Kreativität ein Happy End abzutrotzen. Statt während der «Pilot Season» von Februar bis Mai, wenn die Filmstudios die Rollen für neue Serien besetzen, täglich an bis zu vier Castings zu fahren, hat sich Chantal Casutt in ihrem Apartment in Los Angeles eine Auditioning-Ecke mit Videokamera eingerichtet, um sich beim Vorsprechen selber aufzunehmen.

Wie nahezu jede Herausforderung in Hollywood meistert Casutt auch das «Selftaping» mit Nonchalance. «Es ist sehr wichtig, immer proaktiv zu sein», sagt die 25-jährige Schauspielerin und beschreibt damit auch gleich ihre Lebensmaxime.

Vor zwei Jahren zog die Obersträsslerin in die Welthauptstadt der Unterhaltung, um dort ihre Schauspielkarriere voranzutreiben. Das klingt für andere nach Traum und Klischee, aber es ist eine Geschichte, die in dieser Art trotzdem so gut wie niemand erlebt – auch weil sie Mut kostet.

Alles auf Schauspielerei setzen

Als Chantal Casutt am Zürichberg an der Goldauerstrasse aufwuchs, der Vater ist Rechtsanwalt, die Mutter arbeitet als Kosmetikerin mit eigenem Studio, und sie Privatschulen in Küsnacht besuchte, deutete nichts darauf hin, dass sie dereinst Schauspielerin in den USA wird. Just während ihres Marketing-Praktikums in London bei L’Oréal schloss sie sich, um neue Leute kennen zu lernen, einer ­Theatergruppe an und nahm Schauspielunterricht.

«Schon nach wenigen Wochen war ich süchtig», beschreibt sie jene Zeit, als ihr Leben eine Wendung nahm. «Es gab mir eine kreative Erfüllung, die ich sonst nirgends finden konnte.» Sie schlug die angebotene Vollzeitstelle beim Kosmetikkonzern aus – «die Alarmglocken schrillten» – und besuchte stattdessen einen Intensiv-Schauspielworkshop in Los Angeles. «Da wurde mir klar, dass es kein Zurück mehr gibt. Schauspielerei war das, was ich mit meinem Leben machen wollte. Mit kreativen Menschen zusammenarbeiten, um etwas Wertvolles zu schaffen. Menschen zu unterhalten.»

Mit Ablehnung leben lernen

Nach einem schwierigen Gespräch mit den Eltern und dem Abschluss des Bachelors in Marketing und Management, zog sie nach Burbank, dem Sitz von Warner Bros. und Disney Studios, und setzte alles auf die Karte Schauspielerei. «Es war eine schwierige Entscheidung, aber ich bereue es keine Sekunde.» Damit fingen die Herausforderungen aber erst an. «Es fiel mir schwer, aus meinem kleinen Quadrat des Richtig-falsch-Denkens auszubrechen, mich selbst als Künstlerin zu sehen und meine kreative Seite zu akzeptieren», erzählt die Zürcherin von ihrem Wandel. Und was zum Alltag im Leben einer Schauspielerin gehört, ist Ablehnung. Hunderte Castings, die nichts wurden. Hunderte Traumrollen, die man nicht bekam. «Du gibst alles, was du hast, zeigst deine verletzliche Seite und bekommst keine Reaktion.»

Gefeit ist Casutt bis heute nicht gegen die Schattenseiten ihres Berufs. Sie hat sich aber ein Konzept zurechtgelegt, wie sie mit Niederlagen und Hoffnungslosigkeit umgeht: Aufstehen, Staub abwischen, Krönchen zurechtrücken und ­weitermachen.

Man braucht viel Geduld

Ihre Hartnäckigkeit zahlt sich aus: Hauptrollen in mehreren, teils preisgekrönten Kurzfilmen und Webserien und eine kleinere Rolle in einem grossen Spielfilm. Ein Kurzfilm («My Date With Vi») macht zurzeit die Runden durch Festivals. Den Spielfilm («The Moon & Back») sollte man bald im Kino sehen können.

Momentan arbeitet sie gerade an der neuen Webserie «Little Miss Perfect». Zudem arbeitet sie mit ihrem Partner, einem israelischen Filmproduzenten, zusammen, und zu diesem Job gehört es, mit den Wichtigen der Branche zu verhandeln, Stoffe zu entwickeln, Filme zu kalkulieren und für die Finanzierung zu sorgen.

Um Erfolg zu haben, brauche es mehr als Talent, sagt sie, «es braucht eine gewisse Persönlichkeit. Es ist nicht einfach, in LA zu leben. So viele Leute sind unehrlich oder übertreiben ihre Erfolge. Man muss aufpassen, wem man traut, und eine gute Intuition entwickeln.» Ausserdem brauche man viel Geduld, Ausdauer und Entschlossenheit. Erfolge setzten oft erst nach zehn, fünfzehn Jahren ein. Und viele Schauspieler erreichen nie einen signifikanten Platz im Film und im Theater.

Sie schreibt gerade ein Drehbuch

Was lässt die junge Zürcherin hoffen, sie schaffe es? «Mir ist voll bewusst, dass die Mehrheit erwartet, dass ich scheitern werde. Ich glaube auch nicht, dass ich viel talentierter bin als andere. Aber ich glaube, ich unterscheide mich in meiner Arbeitsmoral, meiner Professionalität und meiner Ausdauer.» Und da ist es wieder: «Ausserdem bin ich proaktiv: Es gibt so viele Dinge, die ausserhalb meiner Kontrolle liegen, aber ich schaffe meine eigenen Möglichkeiten.»

Derzeit schreibt sie am Drehbuch eines Films über ihre Heimatstadt Zürich, zu der sie immer noch eine starke Verbindung spürt. «Against The Current» («Gegen den Strom») ist inspiriert von der griechischen Tragödie und den Filmen im amerikanischen High-School-Milieu. «Ich will etwas ganz Neues zeigen», sagt Casutt. Der nächste Schritt: Investoren suchen.

Wenn sie ganz ohne Larmoyanz von ihrem Alltag erzählt, klingt es, als habe sie einen der härtesten Jobs überhaupt. Denn sie gibt Einblicke in eine Welt, in der die Unsicherheit eine ständige Begleiterin ist. Aber Chantal Casutt nimmt die Ungewissheit als Herausforderung an.