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Theater direkt nach Hause bestellen

Erstellt von Salomon Schneider |
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Eine besondere Idee für besondere Zeiten: Die neue Theaterproduktion des Zürcher Regisseurs Livio Beyeler funktioniert Corona-konform – denn sie wird daheim von Freunden inszeniert. Wer die «Blackbox» bestellt, kann das Zuhause mit dem Stück «Ein Sommernachtstraum» zur Bühne werden lassen.

Während der Corona-Pandemie ist der Kulturbereich starken Einschränkungen unterworfen. Hobbytheater proben nicht mehr und Theatervorstellungen können primär per Livestream im Internet angeschaut werden. Dies hat den Theaterregisseur Livio Beyeler aus dem Kreis 8 auf die Idee gebracht, in Zusammenarbeit mit dem Theater Uri eine Instant-Aufführung zur Inszenierung zu Hause zu entwickeln: «Als Stück habe ich ‹Ein Sommernachtstraum› von William Shakespeare gewählt, das ebenfalls mit mehreren Handlungsebenen spielt.» Bei der «Blackbox» werden alle zu Schauspielenden, Zuschauenden und Teammitgliedern. «Dadurch wird immer wieder ­Lampenfieber aufgebaut. Anschliessend kommen wieder passive Teile oder Gruppenaktivitäten», sagt Beyeler, der unter anderem am Theater der Künste in Zürich inszeniert hat.

Alle verkörpern einen Handwerker

Wer «Blackbox» spielen will, lädt drei bis fünf weitere Theaterbegeisterte ein. Zu Beginn werden die Rollen verteilt. Wer besonders tief ins Erlebnis eintauchen will, teilt die Rollen vorher zu und bittet die Gäste, eine passende Verkleidung mitzubringen. Da «Ein Sommernachtstraum» gespielt wird, spielen alle jeweils einen schauspielenden Handwerker sowie ­deren Rolle im zu erarbeitenden Theaterstück. Dadurch steht allen die Möglichkeit offen, verschiedene Rollen für sich zu entdecken.  Zu Beginn der Erarbeitung des Theaters muss ein kleiner Teil des Drehbuches fertiggeschrieben werden, die Treueschwüre der liebenden Paare. Da jede Handwerkerrolle auch Charakter­eigenschaften mitbekommt und der Dialog reihum von allen gemeinsam geschrieben wird, sind skurrile Wendungen vorprogrammiert. Der geschriebene Dialog wird im eigentlichen Theater als Herzstück der Liebesszene verwendet.

Livio Beyeler liebt die Arbeit als Regisseur, da bei der Erarbeitung eines Theaterstücks der Teameffort im Zentrum steht: «Unter Theater-Crews herrscht deshalb jeweils ein einzigartiger Zusammenhalt. Dieser Zusammenhalt wird auch bei meinem Sommernachtstraum generiert, da die Spielenden sowohl Crew als auch Schauspielarbeiten übernehmen.»

Damit auch der Spass nicht zu kurz kommt, hat Beyeler Shakespeares «Sommernachtstraum» humorvoll interpretiert: «Da die ‹Blackbox› ein sozialer Event mit Freunden ist, soll Spass im Zentrum stehen.» Der «Sommernachtstraum» mit seinem Theater im Theater sorgt dabei für verschiedene Erzählstränge, bei denen sich unterschiedlichste Charaktere wohlfühlen können. Dadurch würden sie eine Vielschichtigkeit erfahren und es könnten verschiedene Spannungsbögen gleichzeitig aufgebaut werden.

Gruppenfitness für Humorvolle

Die «Blackbox» bietet denn auch verschiedenste Inhalte. Eine Melodie für ein Lied will gefunden werden, ein Bühnenbild gebaut und natürlich schauspielerisch inszeniert. Zielpublikum sind alle, die Erlebnisse lieben, bei denen ein gemeinsamer Blick auf ein Ziel gerichtet ist, wie Theater, Kino oder Gruppenfitness. Bei «Blackbox» sind alle Zuschauende und stehen ab und zu im Mittelpunkt.

Spielende werden motiviert, das Spiel selber zu verändern und zu erweitern und ihren Bedürfnissen anzupassen. Livio Beyeler: «Das Regiebuch ist ein erster Vorschlag, eine Anleitung, wie es gemacht werden könnte. Ich motiviere die Spielenden jedoch, sich für jeden Durchgang neue Elemente zu überlegen.» Bei einem ersten Durchgang würden Spielende vielleicht am Tisch sitzen, bei einer nächsten Inszenierung ein Bühnenbild bauen und dort spielen. «Es ist eine neue Form des partizipativen Theaters, die hoffentlich auch nach der Pandemie einen Platz als unterhaltsame Freizeitbeschäftigung erobert», sagt Beyeler.

Theater während Pandemie spielen

Auch grössere Häuser wie das Schauspielhaus Zürich haben durch die Pandemie ihr Programm umgestellt. Das Schauspielhaus bietet regelmässig Theater als Livestream an. Die Stücke wurden speziell für die Aufnahme mit Kameras entwickelt. Das Schauspielhaus rechnet damit, dass Theaterstreams auch in Zukunft zum Programm gehören werden.

Häuser der freien Szene, wie das Theaterhaus Gessnerallee, die nur wenige ­eigene Produktionen umsetzen, können aufgrund der beschränkten Ressourcen weniger streamen. Lora Sommer von der Gessnerallee: «Viele Theaterbegeisterte sind durch die ganzen Zoom-Sitzungen digital übersättigt. Deshalb haben sich viele unserer Künstlerinnen und Künstler auf die Erarbeitung neuer Programme und Recherchetätigkeiten fokussiert.» Die Gessnerallee nahm kürzlich den Spielbetrieb wieder auf, mit eingeschränkten Zuschauendenzahlen.

 

So funktioniert die «Blackbox»

Unter dem Motto «Die Welt ist eine Bühne» wird mit der «Blackbox» jedes Wohnzimmer zum Theaterschauplatz. Die «Blackbox» enthält ein Regelheft sowie sechs Skripte. Im Regelbuch
befinden sich an vielen Stellen QR-­Codes, auf deren Links längere Passagen vorgelesen oder alternative Spielvarianten vorgestellt werden. Dadurch wird der Wiederspielwert erhöht. Das Theater ist für vier bis sechs Spielerinnen und Spieler konzipiert. Eine Runde dauert 70 bis 90 Minuten – mit mehr Erfahrung kann die Länge frei variiert werden. Das Theater ist für Menschen ab 16 Jahren konzipiert.

Die «Blackbox» kann ab jetzt im Internet auf www.theater-uri.ch bestellt werden, kostet 36 Franken und wird schweizweit versendet. (sas.)