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Und plötzlich haben sie viel Zeit zusammen

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Vor der Corona-Krise lebten der 12-jährige Jorit und seine vier Jahre ältere Schwester Leonie in zwei Welten. Jetzt verbringen sie jeden Tag zusammen – eng.Im Homeschooling, das zu ihrem Glück auch zu einem Cocooning wird.

Tag 1: Montag, der 16. März 2020. Kein Kind wird diesen Tag je wieder vergessen. Auch keine Eltern. Die Schule ist geschlossen, die Kinder bleiben zu Hause. Das hat es in der Schweiz noch nie gegeben. Die Situation ist für alle neu. «Mami, ich glaube, ich werde noch ganz selbstständig», sagt Jorit beim Einräumen der Geschirrspülmaschine. Am Montag ist Mithelfen angesagt, bei der Wäsche, beim Kochen, überall. Denn die Eltern arbeiten. Für die Kinder sind aber noch keine Aufgaben da fürs Homeschooling. Gegen Abend verteilen die Kinder Flyer im Quartier: Sie bieten Nachbarschaftsdienst an. Auch das wird ihnen Struktur geben und dem Coronavirus ein freundlicheres Gesicht.

Tag 2: Die Kinder sind sich selber überlassen, auch die Eltern müssen sich erst einrichten im Homeoffice. Am Abend dann: Die beiden sind richtig verschworen. Sie kichern zusammen, sie singen zusammen, ihre sonst so weit auseinanderliegenden Welten sind zusammengewachsen. Sie haben nur einander.

Tag 3: Der erste Nachbarschaftsauftrag kommt per SMS: Einkaufen für einen 70-jährigen Dialyse-Patienten. Gleichzeitig melden sich die Lehrer nun mit Aufgaben. Alles ist (fast) wie sonst. Nur werden die Rechnungen im Pyjama erledigt, mit der Frühstücksschale neben dem Computer; gelesen wird im Bett. Struktur ist wichtig, aber auch etwas Freiraum. «Seit ich nicht mehr um 6 Uhr aufstehen muss, fühle ich mich viel besser», sagt die 16-jährige Tochter. Ist wissenschaftlich erwiesen: 8 Uhr ist für Teenager früh genug.

Tag 4: «Die Katzen freuts, dass wir immer da sind», sind sich die Kinder einig. Die zwei Vierbeiner werden jeden Tag anhänglicher und können ihr Glück kaum fassen. 24 Stunden sind mehrere Zweibeiner da, um sie zu streicheln. «Ein Online-Hörverständnis», stöhnts beim Sohn aus dem Zimmer, «das habe ich noch nie gemacht.»

Tag 5: Leonie bekommt ein Video ihrer Turnlehrerin. Frohgemut auf der Yogamatte gibt sie Übungen durch. «Bleibt mobil», mahnt sie. Mit Erfolg. Leonie setzt die Übungen um. Wenn da nur nicht der Kater wäre ...

Tag 6: Wochenende. Alles bleibt gleich. Mit dem Bruder frühstücken (jetzt jeden Tag), mit der Schwester fernsehen (häufiger als sonst!), jeder für sich gamen (sehr oft) – egal, sagen die Eltern. Aber auch analog: Das ist neu. Die Familie spielt wieder Brettspiele, Kartenspiele. Überhaupt: Zusammen essen, zusammen kochen wird zum Event.

Tag 7: Sonntag, ähnlich wie Samstag. Einmal gehts mit dem Velo an die frische Luft. Picknick im Park in sicherer Distanz zu anderen Menschen. Polizeiwagen drehen im Park ihre Runden. «Hätte uns das jemand vor zwei Wochen gesagt, wir hätten es nicht geglaubt», sind wir uns einig. Und: Heute wäre Sackgeld fällig. Doch für was? Wir leben im totalen Nonkonsum. Dann entdeckt die Tochter das Online-Angebot von «Lush». Beide bestellen sich eine Badekugel. Die Tochter: «Fireball», der Sohn «Dragons Egg». Ein toller Spass. Am Abend steht eine Playlist mit «Corona-Songs». «Die lernen wir jetzt alle auswendig.» Das tröstet über die Tränen, die am Tag 2 geflossen seien. (Manuela Moser, ist Redaktorin beim "Küsnachter")