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Viel Wirbel um ein Stück Zürich-West

Erstellt von Lisa Maire |
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Die Maag-Hallen, Zeugen des einstigen Industriequartiers und zugleich pulsierender Kulturhotspot in Zürich-West, sollen verschwinden. So sehen es die Pläne der Grundeigentümerin Swiss Prime Site vor. Gegen das Abrissvorhaben formierte sich breite Kritik. Bisher vergeblich.

Das Ergebnis ihres Studienauftrags für die bauliche Erneuerung des Maag-Areals gab die Immobiliengesellschaft Swiss Prime Site (SPS) schon im Februar bekannt: Sie hat sich für den Entwurf des Berliner Architekturbüros Sauerbruch Hutton entschieden und damit für den weitgehenden Abbruch des Maag-Hallen-Komplexes. Das von der Fachjury favorisierte Projekt des Pariser Architekturbüros Lacaton Vassal, das die Hallen und auch deren Nutzungen bewahrt, will die Bauherrschaft wegen baurechtlicher Bedenken nicht weiterverfolgen. Viel mehr war damals über den Entscheid und dessen Hintergründe nicht zu erfahren.

Kritik von allen Seiten

Gegen den Entscheid wurde breite und anhaltende Kritik laut. Aus Architektur- und Kulturkreisen, der Event- und Kreativwirtschaft, dem Gewerbe, der Quartierbevölkerung. Der Verein «Retten wir die Maag-Hallen» lancierte eine, mittlerweile von über 7300 Personen unterzeichnete, Petition, mit der die SPS zum Umschwenken auf das Pariser Projekt bewegt werden sollte. Dieses Projekt, das die neuen Wohnungen auf einer «Scheibe» über den alten Hallen anordnet, sei nachhaltiger, ökologischer, lebendiger, einzigartiger und werde der DNA des Industriequartiers mehr gerecht, heissen die Argumente.

Auch Politikerinnen und Politiker unterschiedlicher Couleur sprangen auf den Rettungszug auf: Zum Petitionskomitee gehören eine FDP-Gemeinderätin und ein SVP-Gemeinderat, während zwei AL-Gemeinderäte den Stadtrat in einem dringlichen Postulat aufforderten, der Bauherrschaft Gesprächsbereitschaft zu signalisieren bezüglich der Sonderbauvorschriften, die einem Erhalt und Umbau der Hallen im Wege stehen.

Rauer Gegenwind hin oder her – die SPS blieb bei ihrem Abriss-Entscheid: Im Juni erfuhr die Öffentlichkeit auf der Projektseite «Maaglive», wie das Areal im Winkel zwischen dem Bahnhof Hardbrücke und der Pfingstweidstrasse dereinst aussehen soll.

Kleinere Säle, mehr Grün

Geplant sind ein 14-geschossiges Hochhaus mit Kleinwohnungen, Arbeitsstudios und Gastronomie sowie ein viergeschossiges Kulturhaus mit einer «Markthalle», flexibel nutzbaren Flächen für Kultur, Events und Kreativwirtschaft. Wobei der grösste Saal allerdings nur halb so viele Plätze wie die heutige Maag-Halle bieten würde. Das künftig denkmalgeschützte «Gebäude K» an der Zahnradstrasse, mit den Hallen eng verflochten, soll freigestellt und saniert werden. Hier sind neben Veranstaltungs-, Gastro- und Ladenflächen auch Co-Working und Wohnlofts geplant. Zur Aussenraumgestaltung gehören ein baumbestandener Quartierplatz sowie neue Fuss- und Velowege. Baustart soll im Herbst 2023 sein, Bauende gut zwei Jahre später.

In einem Themenheft der Architekturzeitschrift «Hochparterre» – in Zusammenarbeit mit der SPS produziert – legte die Bauherrschaft zudem dar, warum sie sich gegen das Pariser Projekt entschieden hat: Seine Baurechtswidrigkeit würde einen neuen Gestaltungsplan erfordern oder eine Anpassung der Sonderbauvorschriften. In beiden Fällen wäre mit beträchtlichen Verzögerungen des Bewilligungsverfahrens zu rechnen.

Die Krux mit der Lichtstrasse

Das grösste Problem bei einem Erhalt respektive Umbau: Die Hallen liegen zum Teil ausserhalb der Baulinien. Ein Umbau geriete demnach auch in Konflikt mit der planerisch festgeschriebenen Wiederherstellung der historischen Lichtstrasse, die seit den Sechzigerjahren in den damals erstellten Maag-Hallen «versackt».

Stadt kritisiert Wettbewerb

Im gleichen «Hochparterre»-Sonderheft gibt Katrin Gügler, Direktorin Amt für Städtebau, jedoch zu Protokoll, die Stadt hätte bei der Lösung der baurechtlichen Probleme Hand geboten. Im Übrigen spricht die Stadtbaumeisterin beiden finalen Projekten «hochaktuelle» Qualitäten zu. Das eine versuche, über Freiraum und Grün, Vernetzung und Nutzung die Defizite des Quartiers zu lösen. Das andere erhalte viel vorhandene Bausubstanz.

Gügler übt aber Kritik am Wettbewerbsverfahren, in das die Stadt nicht involviert war. Die SPS hätte die Frage «Abreissen oder Bewahren» zuerst selbst klären müssen und nicht einfach an die Architekten delegieren dürfen, betonte sie im «Hochparterre»-Interview und an einem öffentlichen Podium Ende Juni. Das zu offen formulierte Wettbewerbsprogramm habe dazu geführt, dass sich die Resultate nur schwer vergleichen lassen und sich Fach- und Sachjury nicht einig wurden.

Petition läuft immer noch

Für die SPS sind die Würfel gefallen, doch die Protagonisten hinter «Retten wir die Maag-Hallen» geben noch nicht auf: «Die Petition läuft weiter», bestätigt Christoph Gysi von der Kulturmeile Zürich-West auf Anfrage. Man hoffe weiterhin auf ein Umschwenken der SPS und dass sie die anhaltende öffentliche Kritik ernst nehme. Die Gegend hinter dem Prime Tower müsse belebt bleiben. «Wir brauchen hier eine Art Centre Pompidou», sagt Gysi lachend. Oder eben: einen Publikumsmagneten, wie es die Maag-Hallen seit 20 Jahren sind.