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Wenn Baulärm vor dem Haus zum Alltag gehört

Erstellt von Karin Steiner |
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Von ruhigem Arbeiten im Home­office können die Leute im sonst so beschaulichen Wollishofen nur träumen. Seit über einem Jahr werden sie von übermässigem Baulärm berieselt.

Sichtbar genervt steht ein Bewohner der  Renggerstrasse, der nicht mit Namen genannt werden möchte, vor seinem Haus und hält sich die Ohren zu. Mit ohren­betäubendem Getöse rattert soeben eine grosse Baumaschine an ihm vorbei. Die enge Wohnstrasse ist eine einzige Baustelle. «Dieser Baulärm belästigt uns  schon seit über einem Jahr», klagt er. Der Grund: In der Rengger-, Hausmesser-, ­Etzel- und Staubstrasse ersetzt die Stadt Zürich die Abwasserleitungen und die Verteil- und Hausanschlussleitungen. Doch das ist noch lange nicht alles. Hinzu kamen laute Bauarbeiten am Bahnhof Wollishofen, an der SBB-Unterführung bei der Roten Fabrik und zudem wurden in nächster Umgebung zwei Liegenschaften ersetzt -– eine davon ist die Siedlung Bellaria mit 172 Wohnungen.

Wie wenn das alles nicht genug wäre, hat die Kibag Ende Februar mit den Tiefbauarbeiten für eine Arealüberbauung am See beim GZ Wollishofen begonnen. Auf dem Gelände, auf dem sich die inzwischen rückgebaute Avia-Tankstelle und die Garage Franz AG befanden, soll ein siebenstöckiger Neubau mit 68 Luxuswohnungen, einer neuen Tankstelle und Detailhandelsgeschäften entstehen. Gegen das Bauprojekt sind noch Rechtsstreitigkeiten beim Baurekursgericht im Gange (wir berichteten). Mit den Tiefbauarbeiten konnte dennoch bereits begonnen werden. Seit Ende Februar rammt die ­Kibag auf dem ehemaligen Pfahlbauer­gebiet nun 220 bis zu 30 Meter lange Pfähle in den Boden, da die ganze Neuüber­bauung auf Pfählen zu stehen kommt. Diese Emissionen sind nicht nur zu hören, sondern weit herum auch zu spüren.
Mangelnde Information

«Die intensiven Erschütterungs- und Lärmimmissionen sind im Umkreis von mehreren Kilometern wahrnehmbar», schreibt Peter Wolfgang von Matt, Initiant der «Besonnungsinitiative», in einem offenen Brief an den Quartierverein Wollishofen, den Mieterverband Zürich und den Hauseigentümerverband Zürich und bittet diese um eine Stellungnahme. Er beschwert sich über mangelnde Trans­parenz vonseiten des Hochbaudepartements. «Von den Bewohnenden und den Besuchenden des betroffenen Stadtteils erhalte ich laufend Äusserungen von Unmut und Unverständnis. Die Menschen fühlen sich durch das Schweigen des Vorstehers Hochbaudepartement völlig übergangen und im Stich gelassen.»

Die Pfählung dürfte noch zwei weitere Monate andauern, teilte die Kibag dem betroffenen Quartierbewohner auf Anfrage mit. «Dass bei einer Baustelle Tiefbauarbeiten nötig sind, ist bekannt und in Ordnung für mich. Wenn aber während insgesamt drei Monaten gepfählt wird, sodass grosse Gebiete betroffen sind, übersteigt dies meines Erachtens das Zumut- und Erwartbare.» Die Bevölkerung sei nicht ausreichend über das Bauvorhaben informiert worden. «So hätten vorgängig auch viel mehr Personen ein Einspracherecht gegen das sowieso umstrittene Bauvorhaben gehabt.»

Nächtliche Ruhe – falsche Hoffnung

Schön, dass die gepeinigten Bewohnerinnen und Bewohner wenigstens nachts ihre Ruhe finden. Oder doch nicht? «Soeben haben wir eine Ankündigung von den SBB bekommen, dass sie am Bahnhof Wollishofen ab 25. April Gleisarbeiten ausführen müssen, die starken Lärm verursachen können», sagt der geplagte Wollishofer. «Um den Zugverkehr am Tag aufrechtzuerhalten und die Sicherheit der Mitarbeitenden zu gewährleisten, sind die SBB gezwungen, einige der Arbeiten im Gleisbereich in der Nacht bei gesperrtem Gleis und ausgeschalteter Fahrleitung auszuführen», begründen die SBB die nächtliche Lärmquelle. So werden die Quartierbewohnerinnen und -bewohner in den Nächten vom 25. bis 30. April und vom 2. bis 4. Mai wegen «maschineller Schleif- und Schweissarbeiten» wohl kaum die wohlverdiente Ruhe finden.

Entschädigung wäre angebracht

Er sei kein Stänkerer, der ständig reklamiere, und habe Verständnis dafür, dass in einer Stadt gebaut werde, betont der Quartierbewohner. Aber die Summe aller Lärmquellen übersteige das Mass an Erträglichem bei weitem. «Wenn jemand nachts eine Party feiert und zu viel Lärm verursacht, kommt die Polizei und es gibt allenfalls eine Busse. Aber wir werden tagtäglich von einem Lärm geplagt, der Party­lärm um ein Vielfaches übersteigt. Ich finde, wir hätten zumindest Anspruch auf eine Entschädigung. Bei diesem Krach konzentriert arbeiten zu können, ist fast unmöglich.» Sagt es und schaut besorgt auf das Haus auf der gegenüberliegenden Strassenseite, auf dem bereits Bau­gespanne zu sehen sind.