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Zwei junge Klassik-Virtuosinnen spielen auf

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Am kommenden Sonntag geben sich mit der 12-jährigen Ilva Eigus und der 15-jährigen Javelyn Kryeziu zwei aussergewöhnliche, junge Solistinnen aus Zürich ein Stelldichein in der Klus Park Kapelle.

Bevor das Interview losgeht, geben die beiden jungen Künstlerinnern im sonnigen Wohnzimmer der Familie Eigus in Hottingen eine Kostprobe ihres Könnens. Ein energisches Scherzo von Johannes Brahms schwillt in den Raum, füllt ihn schliesslich ganz, springt fast aus dem Fenster in den sonnigen Winternachmittag: Es ist ein Privileg, so nah daran zu sein.
Ilva Eigus (12, an der Geige) und Javelyn Kryeziu (15, am Flügel) lächeln erschöpft nach der geladenen Darbietung. Ilva Eigus lehnt sich ans Fenster und sagt: «Meine Finger sind etwas kalt.» Sie haben seit dem Mittag in Pullovern geprobt. Während sich Ilva und Javelyn zum Gespräch hinsetzen, eine Frage an die Mutter Tatjana Eigus:: «Haben Sie besonders glückliche Nachbarn?» Sie lächelt: «Wir haben Glück, dass sie klassische Musik sehr gerne haben.»
Die Mädchen wurden einander Anfang 2019 vom russischen Pianisten und ZHDK-Professor Dmitri Demiashkin vorgestellt. Er war überzeugt, dass sich die beiden Solistinnen gut ergänzen würden, wenn sie gemeinsam Kammermusik spielten. Tatsächlich werden sie nur zwei Monate darauf am Schweizerischen Jugendmusikwettbewerb in Winterthur und später in Lugano ausgezeichnet.

Seid ihr zufrieden damit, wie ihr das gespielt habt?
Ilva Eigus: Man kann immer besser werden. Vielleicht haben wir nicht ganz alle Töne getroffen. Aber das war schon ganz gut.  

     
Ihr geht beide ins Gymi. Ilva, Du hast mal gesagt, dass Du täglich bis zu fünf Stunden übst. Geht das gut zusammen?
Ilva Eigus: Naja, also fünf Stunden kommt selten vor. Ich übe schon viel und sehr gerne, aber das muss ich auch, wenn ich weiterkommen will. In der Schule versuche ich einfach, voll präsent zu sein und von der Hausaufgabenstunde zu profitieren, damit ich möglichst wenig mit nach Hause nehmen muss. Aber ich höre von Javelyn, dass es streng wird.  

Javelyn Kryeziu: Ja, diese Stunde vermisse ich. Ich bin dieses Jahr ins Kurzzeit-Gymi eingetreten, ich merke jetzt schon, dass es zeitlich immer etwas enger wird und ich nicht so viel spielen kann, wie ich möchte.

Mit Werken von Brahms, Chopin, Tschaikowski, Prokofjew und Schumann spielt ihr Musik, in denen auch viel Geschichte steckt. Wie geht ihr an die Werke heran?

Ilva Eigus: Wenn wir etwas spielen, dann lesen wir uns auch ein. Ich möchte alles Mögliche erfahren über die Stücke, damit ich ein Gefühl dafür bekomme, wie ich sie spielen soll. Man wächst ja auch hinein in die Musik, am Anfang sind das nur Noten.

Habt ihr persönliche Vorlieben?
Javelyn Kryeziu: Natürlich, ja, und mein Lehrer Dmitri Demiashkin schlägt mir auch oft Stücke vor, so lerne ich viel Neues kennen. Chopin, Mozart, Grieg, Schumann mag ich sehr. Hoffentlich habe ich jetzt niemanden vergessen . . .    

Ilva Eigus: Wir werden dieses Jahr wieder Prokofjew spielen, der uns beiden sehr gefällt.            
Javelyn Kryeziu: Ja, genau, das ist speziell, er ist vom Üben her auch ganz anders als etwa Chopin, wenn man noch nicht so damit vertraut ist.

Dann gibt es diesen Moment, in dem ihr ein Stück zu etwas Eigenem macht?
Ilva Eigus: Dieser Übergang ist fliessend. Jedes Mal wenn ich ein Stück weglege, entdecke ich, wenn ich später zurückkomme, etwas Neues darin.

Javelyn Kryeziu: Ja, genau, ich merke auch, dass ich ein Stück mit acht oder zwölf Jahren anders gespielt habe, als ich es heute spiele. Etwas flüssiger, vielleicht auch etwas reifer.

Schreibt ihr auch eigene Sachen?
Ilva Eigus: Ja, leider nicht so oft. Ich habe im Sommer an einer Konferenz teilgenommen, an der wir auch komponiert haben im Stil des 18. Jahrhunderts. Da merkte ich, was damals für Musik gehört wurde, und entdeckte die wiederkehrenden Harmonien.    

Javelyn Kryeziu: Wir haben in der Musikschule zu Bildern improvisiert. Das fand ich anfangs strange, aber jetzt finde ich es total spannend.
Gab es Momente, in denen euch Zweifel kamen an eurem musikalischen Hobby?
Javelyn Kryeziu: Eigentlich nicht, ich habe mit vier angefangen, Musik zu machen, und mit sechs Klavierunterricht genommen. Ich habe immer gerne musiziert.             
Ilva Eigus: Bei mir auch nicht, anfangs war es ein Hobby, aber dann konnte ich mir gar nichts anderes mehr vorstellen, als weiterzumachen.

An Nachwuchswettbewerben und -festivals seid ihr mittlerweile nicht mal mehr die Jüngsten. Gibt es einen Rat, den ihr anderen Jungmusikern geben würdet?
Ilva Eigus: Vor allem an Wettbewerben werden die Teilnehmenden immer jünger. Sie spielen auch sehr gut, aber dann verschwinden viele wieder, weil es ihnen keinen Spass mehr macht, oder sie finden etwas anderes. Vielleicht ist es gar nicht immer so gut, wenn man schon früh so erfolgreich ist. Man muss auch glücklich sein mit dem, was man tut.

Tatjana  Eigus, müssen Sie Ihre Tochter zu Freizeit zwingen?
Tatjana Eigus: Nein, gar nicht. Sie ist sehr eigenständig und kann gut selbst entschieden, wie viel sie übt. Aber ich organisiere natürlich auch andere Aktivitäten, Schlittschuhlaufen oder Besuche bei Freunden oder sie unternimmt Sachen mit ihren Halbgeschwistern.

Ilva Eigus: Ich merke das gut selber, wenn ich nicht mehr mag, und dann mache ich auch etwas anderes, zeichne oder spiele.   

Javelyn Kryeziu: Ich gehe spazieren oder mache irgendetwas Unwichtiges.

Wie entscheidet ihr darüber, ob ihr einen Auftritt wahrnehmt?
Javelyn Kryeziu: Ich nehme eigentlich nur die Anfragen an, die mir am besten gefallen. Mit einem tollen Programm und an einem richtigen Flügel, nicht am Klavier oder E-Piano. Das muss ich immer zuerst fragen.    

Ilva Eigus: Ja, da habe ich es mit der Geige leichter als Du. Aber, ganz ehrlich, im Moment würde ich alles annehmen, weil es immer zu neuen Begegnungen kommt und sich Türen öffnen. Ich bin froh um jedes Mal, das ich vor Publikum spielen kann.     

Tatjana Eigus: (leise) Langsam ist es vielleicht doch ein bisschen viel.    
Ilva Eigus: (lacht) Nein, das finde ich noch nicht.

Interview: Alexander Vitolic