Küsnachter
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02_ks_altersheim-iStau vor dem Bus: Fritz Affolter achtete darauf, dass es den Senioren beim Einsteigen an nichts fehlte. Foto: phs

Die grosse «Züglete» vom Schübelweiher an den See

Knapp 20 Senioren zogen letzte Woche vom Küsnachter Alterswohnheim Tägerhalde ins Seniorenheim am See. Nicht nur die Bewohner, auch Betten, Kartons und allerlei Erinnerungsstücke wurden auf den Weg gebracht.

Philippa Schmidt

«Nein, nein, die Konsole können wir nicht abmachen, die muss am Bett bleiben»: Patricia Pereira behielt im Umzugstrubel den Überblick. Die zierliche Frau ist in der Tägerhalde eigentlich für die Hotellerie zuständig, doch an diesem Mittwoch koordinierte sie das Ausräumen der Zimmer. Insgesamt sieben Bewohner des Alterswohnheims Tägerhalde zügelten mitsamt Hab und Gut an den See. Die Bewohner waren längst unten im Mehrzweckraum oder im Foyer, während Pereira, ihre Mitarbeiterin Lydia Erba sowie die Zügelleute Betten auseinanderbauten, Kisten in den Lift schleppten und Salontischchen auf den Inventarlisten überprüften.
Von Montag bis Freitag zügelte die Tägerhalde: An drei der fünf Tagen wurden die Bewohner ins neue Heim gebracht. Damit alles an den richtigen Platz kommt, klebte auf jedem Stück gut sichtbar die neue Zimmer-Nummer. Lydia Erba konnte eine gewisse Wehmut nicht verhehlen. «Ich bin schon ein bisschen traurig», gestand die langjährige Mitarbeiterin der Tägerhalde.


5124 Umzugsstücke
Auch für die älteren Leute ist der Umzug von Itschnach ins Seniorenheim am See nicht immer ein Vergnügen, denn die meisten hatten damit gerechnet, bis zu Ihrem Tod in der Tägerhalde bleiben zu können. Da die Infrastruktur jedoch nicht mehr den heutigen Anforderungen eines Alterswohnheims entspricht, muss die Tägerhalde rückgebaut werden, um dann bis 2015 neu errichtet zu werden. Da nicht mehr abgebrochen, sondern rückgebaut wird, können die Schadstoffe einzeln umweltfreundlich entsorgt werden. Auch der Neubau soll ökologischen Standards genügen und wird nach den Kriterien von Minergie-Eco gebaut: So wird beim Bau Holz aus dem Küsnachter Wald verwendet, wie Hansjörg Weber der Leiter der Altersheime verriet. Die Bevölkerung hatte im Mai 2011 an der Urne dem Baukredit für dieses Vorhaben sowie für die Provisoriumsbauten am See zugestimmt: mit fast 68 Millionen alles in allem ein Mammut-Projekt. Auch der Umzug ist ein Mammutunternehmen – und eine logistische Meisterleistung zugleich.


An beiden Terminen werden insgesamt etwa 2050 Kisten gepackt und 5124 Gegenstände inventarisiert. Organisiert wurde dies von einem zehnköpfigen Umzugsteam, dem viele Heim-Angestellte sowie der zuständige Gemeinderat Martin Bachmann angehören. Während die pflegebedürftigen Bewohner sowie Menschen, die an Demenz erkrankt sind, bereits letzte Woche ins Provisorium an den See gezogen sind, werden die sogenannt selbstständigen Bewohner erst im Sommer zügeln. Dies hängt auch mit der Tatsache zusammen, dass das Haupthaus des Pflegeheims am See, welches das neue Heim für die selbstständigen Senioren wird, noch renoviert wird.
Von einem Umzugschaos konnte in der Tägerhalde keine Rede sein, Pereira und Erba hatten das Heft fest in der Hand und die Zügelleute räumten die Zimmer zügig leer. Wenn sich in einem der Zimmer anfangs noch Kisten stapelten, eine Orchidee sich der Sonne entgegenstreckte und ein geblümter Sessel scheinbar zum Sitzen einlud, dauerte es nur Minuten, bis gähnende Leere Einzug hielt. «Wir haben den Bewohnern versprochen, dass sie das Telefon und den Fernseher bis zum letzten Tag behalten können«, erklärte Patricia Pereira. «Und heute Abend können sie auch wieder die Tagesschau gucken», fügte sie mit einem Schmunzeln hinzu. Als es morgens um sieben Uhr schon «Zmorgen» gab, war einigen Senioren noch nicht ganz klar, ob auch sie heute das Heim verlassen müssen. Mit einer mangelhaften Informationspolitik hatte dies aber wenig zu tun, sondern eher mit Vergesslichkeit oder Krankheiten wie beispielsweise Demenz.


Frau Benz schlägt sie alle
Während einige Senioren über die ungewohnte Situation eher ungehalten waren, freuten andere sich über die Zivilschützer, welche zur Betreuung aufgeboten worden waren. Die jungen Männer unterhielten sich mit den alten Leuten, lasen die Zeitung vor oder spielten Brettspiele. Bei Josy Benz bissen sich die olivgrün Uniformierten allerdings die Zähne aus. Die 83-jährige Dame ist eine Meisterin im Mühlespiel, und an diesem Tag gelang es niemandem, die Seniorin zu schlagen. Sie beobachtete aufmerksam die Steine, lockte den Gegenspieler in eine Falle und klärte ihn anschliessend mit einem verschmitzten Lächeln über seine taktischen Fehler auf.
Marc Hürlimann, Zugführer des Zivilschutz KEZ (Küsnacht, Erlenbach, Zumikon), und seine Kollegen hielt dies dennoch nicht davon ab, ihr Glück immer wieder zu probieren. «Wir machen das, worauf die alten Leute Lust haben», umschrieb Hürlimann die Aufgabe seiner Gruppe an diesem Tag. «Es läuft, und es tut gut, in dankbare Gesichter zu schauen», freute sich der Zivilschützer. Neben den Zivilschützern in der Tägerhalde waren beim Umzug noch eine betreuende Gruppe im Seniorenheim am See und eine Gruppe von Pionieren im Einsatz. Bei Letzteren handelte es sich vorwiegend um Handwerker, die ihr praktisches Know-how einbrachten.


Seniorenbus statt Zügelwagen
Während sich Josy Benz die Zeit mit Mühle-Spielen vertrieb, unterhielt Heinz Bräuer seine Mitbewohner am Klavier. Die Finger des ehemaligen Zahnarztes huschten geschickt über die Tasten. Er kann alle Stücke, die er spielt, auswendig, denn Noten mag er nicht. «Schade, dass er geht. Wer spielt denn jetzt für uns Klavier?», raunte eine Bewohnerin sichtlich traurig ihrer Bekannten zu.


Marie Aebi freut sich über das neue Zuhause. «Ich habe früher nahe am See gewohnt und werde mit meinen Töchtern Schifffahren gehen», erzählte die 94-Jährige. Ausserdem hätten ihre Freunde ihr versprochen, sie öfters besuchen zu kommen. Am frühen Nachmittag wurde es dann ernst: Fritz Affolter fuhr die sieben Senioren an den See. Für ihn, der den Seniorenbus der Heime ehrenamtlich fährt und die älteren Herrschaften ansonsten ins Dorf zum Einkaufen oder zu Arztbesuchen kutschiert, war auch der Umzug Routine. Sicher beförderte er die Rollstuhlfahrer mithilfe einer Hebebühne in den weissen Bus. Die Rollatoren und Rollstühle wurden derweil in einem Zivilschutzfahrzeug separat ins Seniorenheim gebracht. Im Seniorenheim am See musste erst einmal Platz geschaffen werden für den Bus.
Doch dann konnten die älteren Frauen und Männer in ihr neues Zuhause geleitet werden und tranken im Mehrzweckraum des Pavillons erst einmal eine heisse Tasse Tee. Dort trafen sie auch auf Bewohner, die am selben Tag vom Haupthaus des Seniorenheims in den Pavillon gezügelt waren. Lange mussten die Neuankömmlinge nicht ausharren, bald standen die Zimmer zur Verfügung.
«Es ist wirklich schön», fand Bewohnerin Heidi Trümpler. Nur der Kleiderschrank sei etwas klein. Das Telefon funktionierte bereits, wie Frau Trümpler mit einem längeren Gespräch ausgetestet hatte, und auch der Fernseher war einsatzbereit. Patricia Pereira hatte nicht zu viel versprochen.

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